Isla San Andrés: Karibisches Chaos kann so schön sein

Isla San Andrés: Karibisches Chaos kann so schön sein

Seven Color Sea wird das Meer rund um die Karibikinsel San Andrés genannt: Das Wasser leuchtet in verschiedenen Blautönen. Das Inselleben ist mitunter chaotisch und doch entzückend.

Reisebericht

Da will ich auch hin!

Es ist ein ewiges Hin und Her mit San Andrés. Fahren wir? Oder fahren wir nicht? Die Karibikinsel liegt geografisch näher an Nicaragua als an Kolumbien und ist nur mit dem Flugzeug zu erreichen. Auch ansonsten soll San Andrés nicht zu den günstigsten Ausflugszielen des Landes gehören. Das wiederholte Googeln von Bildern – Strände mit perlweißem Sand und türkisblaugrünschimmerndem Wasser – gibt letztendlich den Ausschlag. Ja, wir fahren. Beziehungsweise fliegen. Als wir die Taschen gepackt haben, wird die Vorfreude auf den Inselausflug dann jedoch dadurch getrübt, dass scheinbar jedwede Unterkunft in San Andres bereits komplett ausgebucht ist. Aber egal, zur Not schlafen wir an einem dieser Strände, deren Bilder uns zuvor so gut gefallen haben! Mittels intensiver Recherche finden wir auf einem Booking-Portal doch noch ein hübsches Zimmer für die vier Nächte. Nur um einige Stunden später vom eigentlichen Vermieter eine Mail mit der Info zu erhalten, dass das Zimmer lediglich an Tag Eins frei ist. Es wird auf jeden Fall abenteuerlich denken wir, als wir in den Flieger steigen.

Angekommen am Flughafen von San Andrés zeigt sich, dass kein Taxifahrer genau weiß, wo sich unsere ominöse Unterkunft befindet. Wir fahren jedenfalls in entgegengesetzter Richtung der Pfeile, die den Weg ins Zentrum weisen. Nach Befragung mehrerer Spaziergänger halten wir schließlich vor einem Haus mit Meerblick. Nur ein kleines Schild an der Hausecke weist darauf hin, dass sich hier Unterkünfte befinden. Zwei wild durcheinander schnatternde Frauen empfangen uns und machen uns auf Plastikstühlen in einem mit mehreren Couches, Büchern, Zeitschriften, Geschirr, Statuen und anderem Krimskrams vollgeräumten Wohnzimmer Platz. Davon, dass das Zimmer belegt ist, wissen sie nichts. Das sollen wir alles mit dem Sohn beziehungsweise Enkel klären, der kurze Zeit später ankommt und passend zur Insel Andres heißt.

Mit dem Moto, ohne Helm und im Wahnsinnstempo geht es zum Strand der Einheimischen

Es stellt sich heraus: Es ist doch ein Zimmer frei, sogar mit Klimaanlage, ohne Aufpreis. Als kleine Entschädigung. Okay, super. Da der Flieger um sieben Uhr morgens ging, wollen wir eigentlich nur noch eins: Siesta. Wir verabschieden uns von den vielen Menschen im Wohnzimmer - mittlerweile sind der Ehemann der Señora sowie eine unbestimmte Anzahl von Kindern hinzugekommen. Nicht jedoch, ohne uns zuvor von Andres noch eine Bootstour zu den verschiedenen Inseln aufschwatzen zu lassen. Kaum langgestreckt, fällt der Strom und mit ihm Internet, Licht und Klimaanlage aus. Wir geben auf und packen unsere Badesachen. Unsere Vermieterin empfiehlt uns den Strand der Einheimischen, San Luis. Mit dem Bus kostet es nicht mal einen Euro. Wir finden auch gleich die Straße, aus der der Bus fährt, doch nach einer Minute hält ein junger Mann mit Motorrad vor uns und sagt, er könne uns für 8000 Pesos nach San Luis bringen. Das sind etwas mehr als ein Euro pro Person und da die Sonne unbarmherzig auf unseren Kopf scheint, geben wir sofort nach. Zu dritt auf einem Mini-Moped geht es im Wahnsinnstempo nach San Luis. Helme gibt es übrigens nicht für uns, denn auf San Andrés herrscht im Gegensatz zum Rest des Landes keine Helmpflicht. Als das Moto stoppt und wir uns kurz an der Tatsache erfreuen, dass wir diese doch sehr kuriose Fahrt überlebt haben, geraten wir sofort ins Staunen: Wie versprochen weißer, weicher Strand, das Wasser ist klar und geht von türkis in hellblau zu grün über. Wir mieten uns eine Liege, strecken die Beine aus und bestellen uns Wodka aus Kokusnüssen sowie zwei kleine Hundebabies, die im Fußraum der Bar quieken und nur darauf warten, von Touristen wie uns für Selfies zweckentfremdet zu werden. An dem Strand ist wenig los, man kann super schnorkeln und – endlich – zufrieden in der Sonne dösen.

Am frühen Abend fahren wir zurück in unsere Unterkunft, um am nächsten Tag um neun für unsere Bootstour fit zu sein. Andres meinte wohl neun Uhr kolumbianischer Zeit, denn erst um viertel vor zehn steht er gutgelaunt vor der Tür und bringt uns zum Anlegeplatz. Kurze Zeit später finden wir uns in einem bis auf den letzten Platz besetzten Boot wieder und der Kapitän versucht zwanghaft, gute Laune zu schaffen. Als einzige Nicht-Kolumbianerinnen verstehen wir bei dem schnellen Spanisch aber eh nur die Hälfte.

Die Insel Johnny Cay kann man in kurzer Zeit umrunden

Kurze Zeit später kommen wir bei Insel Nummer Eins – Johnny Cay – an. Eine süße, traumhaft schöne Insel. Der Strand ist voll von Urlaubern, unter Palmen gibt es einige kleine Restaurants. Wir entscheiden uns zuerst für einen Inselrundgang – eine Sache von nur 15 Minuten. Mit Wasserschuhen geht es über die felsige Seite der Insel, teilweise durch kleine Fischschwärme, wir erfreuen uns noch immer an den vielen Wassernuancen hier. Die Insel beherbergt auch einen Mininaturpark, in dem coole Echsen in grün, blau und sonstigen exotischen Farben und sogar chameleonartige Riesenechsen zu sehen sind.

Um zwei Uhr soll es weitergehen zur Insel Acuario, auf der man angeblich noch besser als am Strand von Johnny Cay schnorcheln kann - was mich freut, denn die Fische um Johnny Cay ließen sich angesichts der vielen Besucher nicht sehen. Gegen halb vier sind wir soweit, dass wir alle zusammen haben und wieder im Boot sitzen. Acuario ist im Grunde genommen nur ein kleiner weißer Sandhügel im türkisblauen Meer, ein Restaurant und ein Verkaufsstand – mehr gibt es hier nicht. Hier wird vielmehr klar, warum das Meer um San Andrés den Beinamen Seven Color Sea trägt: alle sieben Blautöne spiegeln sich unter der langsam untergehenden Sonne, zu Fuß kann man durch das Wasser zur benachbarten Miniinsel gehen. Hier lohnt sich das Schnorcheln dann gleich viel mehr – denn der Strand ist nicht auf eine Seite der Insel beschränkt, sondern rundherum. Es gibt so viele coole Fische, dass ich es kaum schaffe, das Wasser wieder zu verlassen - mit dem Ergebnis, dass ich abends einen unschönen Sonnenbrand habe.

Im Schnorchelparadies West View haben Fische jegliche Scheu vor Menschen verloren

Daher entscheide ich mich am nächsten Tag auch gegen einen weiteren Strandausflug und fahre stattdessen zum Shoppen ins Zentrum. Mein Taxifahrer spricht lustigerweise kaum Spanisch und dafür fließend Englisch. So erfahre ich, dass San Andrés früher eine englischsprachige Insel (Saint Andres) war und seine Eltern mit ihm noch Englisch sprachen. Erst in den 70er-Jahren entschied sich die kolumbianische Regierung, Spanisch zur Amtssprache zu machen. Wir essen noch eine Art Sternenfrucht und mein Señor erzählt mir von seinem Leben und seinen acht Geschwistern. Auf dem Rückweg, kolumbianische Früchte und Trockenfutter für ein paar abgemagerte Hundebabies, die bei uns in der Nähe wohnen, machen wir am Hafen Halt und versuchen, den Sonnenuntergang ordentlich zu fotografieren. Die Fahrt muss ich nicht bezahlen, wir sind jetzt amigos.

Bevor es zurück nach Cartagena geht, wollen meine Freundin und ich nochmal die Westküste von San Andrés auschecken, die jährlich hunderte von Tauchern und weniger begabte Taucher und somit Schnorchler wie mich anzieht. Ein Bus für weniger als einen Euro fährt direkt zu unserem ersten Stop: dem West View-Beach. 5000 Pesos, gut zwei Dollar, kostet der Eintritt und die Senoras geben uns im Austausch ein paar lapprige Toastbrotscheiben, die meine Freundin Nimmersatt sofort verschlingt. Auf Nachfrage erfahre ich, dass das Brot für die Fische gedacht ist! Wir bekommen neues und los geht's. Die Fische, durchs viele Brotfüttern schon völlig unbeeindruckt von den um sie herumschwimmenden Menschen, touchieren auch mal meine Beine, woran ich mich unter spitzem Geschrei erstmal gewöhnen muss. Insbesondere, wenn man das Brot ins Wasser wirft, kommen sie in Scharen. Auch ansonsten ist die Bucht, in die man über eine Treppe gelangt, wirklich super. Man kann mehrere Meter tief sehen und schnorkelt über den Tauchern hinweg. Eine weitere Attraktion ist eine superschnelle Rutsche, mit der man direkt ins Meer fliegt. Als dann jedoch Animateure kommen und bei lauter Reggae-Musik zum Tanzen auffordern, wird es uns zu viel und wir machen uns auf den Weg zur nächsten Bucht, La Piscinita. Auf dem Weg dorthin werden wir von einem älteren Herrn mit langeb Dreadlocks abegefangen: Wir sollten doch lieber hier bleiben, erklärt er uns im perfekten Englisch – auch er gehört noch zur älteren Generation – denn la Piscinita kostet Eintritt, während wir hier nur eine Kokusnuss kaufen müssen. Wir sind die einzigen Gäste in der liebevoll gestalteten Bucht. Der Señor erzählt uns derweil, dass er einst mit Bob Marley und Jimmy Cliff Auftritte hatte und gibt uns sogleich ein Privatkonzert (Rivers of Babylon), während sein Kollege unsere Kokusnuss zubereitet. Alles klar, hier bleiben wir. Apropos Bleiben: Auf San Andrés wären wir gerne noch länger geblieben, die vier Nächte waren eigentlich noch nicht genug.

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