Einfach hyggelig: Einmal quer durch Dänemark

Einfach hyggelig: Einmal quer durch Dänemark

Warum die Dänen das glücklichste Volk der Welt sind? Seit meiner Dänemark-Rundreise verstehe ich, wieso. Natur und Stadt, Moderne und Tradition, selbst Radler und Autofahrer kommen hier total entspannt miteinander aus. Und wenn nicht, hilft stets ein Softeis. Mein Reisebericht aus Dänemark

Reisebericht

Da will ich auch hin!

Typisches Nordsee-Wetter

Da war ich nun, im Hygge-Land. Irgendwie passten die dick aufgetürmten Wolkenberge ja zu den weitläufigen Dünenlandschaften und verliehen meiner Umgebung eine eigentümliche Symmetrie. Trotzdem hätte ich mir einen schöneren Einstieg in meine Reise wünschen können. Erstmal eine Nacht drüber schlafen, dann sieht die Welt schon besser aus? Diese Alltagsweisheit griff leider nicht, da der Himmel auch am nächsten Tag wolkenverhangen war und es ordentlich auf die Wiesen und Wälder rund ums Ferienhaus regnen ließ. Auch gut, dachte ich mir, meine Lekürestapel wollte ich zwar eigentlich an den Strand mitnehmen, aber so ein verregneter Vormittag ist ja auch eine beliebte Kulisse für Leseratten.

Und siehe da, wenn man schon gar nicht mehr darüber nachdenkt, passiert manchmal das lang Erhoffte: Der Himmel riss auf, ein paar Sonnenstrahlen ließen sich blicken und zeichneten einen verlockenden Weg nach draußen. Der Urlaub konnte beginnen!

Das dachten sich offensichtlich auch alle anderen in der Umgebung, denn der Ferienort Blåvand an der dänischen Nordseeküste in Südwestjütland war ein Ort wuseliger Aktivität. Zwischen Souvenirgeschäften und Restaurants tummelten sich andere Urlauber. Besonders Mutige trugen unbeirrbar ihre Standardsommerurlaubskleidung: Wenn die kurze Hose einmal aus dem Schrank geholt wird, bleibt sie auch bis September draußen, basta.

Blåvandshuk Fyr

Ein kurzes Stück hinter dem Ort mit seinem bunten Urlaubstreiben erhebt sich der hiesige Leuchtturm vor der rauen Nordsee: Schlicht, aber strahlend weiß und trutzig gebaut wacht der Blåvandshuk Fyr seit 1900 über diesen schönen, aber nicht ungefährlichen Küstenabschnitt Dänemarks. Nach 170 Stufen inklusive einer schmalen Stiege blickte ich aus Sicht des Leuchtfeuers in 39 Metern Höhe auf den westlichsten Zipfel unseres nördlichen Nachbarn. Die Küstenlinie macht hier einen markanten Knick, was die Nordsee noch allumfassender erscheinen lässt. Selbst der Wind und der leicht einsetzende Nieselregen hatten bei dieser Aussicht etwas Beflügelndes. Die Häuschen ducken sich mit ihren Reetdächern gut getarnt zwischen den Dünen, der Wind fegt die Wolken über den weiten Himmel und man kann die salzige Luft förmlich schmecken. Das nenne ich dann doch mal eine perfekte Einstimmung auf einen Nordsee-Urlaub in Dänemark!

Hygge - eine Lebenseinstellung

Wer nach Jütland kommt, wo zwischen kleinen Ortschaften kilometerweit nur vereinzelt Häuser in den von Dünen und Wäldern geprägten Landschaften stehen, kann nicht anders, als zur Ruhe zu kommen. Zwar besteht Dänemark zum großen Teil aus Kulturlandschaften, wirkt aber irgendwie doch unberührt und ursprünglich. Bei insgesamt nur 5,5 Millionen Einwohnern und der entspannteren Lebensart der Dänen haben Gedränge und Hektik so schnell keine Chance. Sicherlich gibt es stets zwei Seiten der Medaille, aber Dänemarks Status als glücklichste Nation der Welt kommt nicht von ungefähr, wie auch die britische Journalistin Helen Russell in ihrem Buch Hygg Hygg Hurra auf unterhaltsame Weise erzählt.

Das schmucke Ribe

Sich hyggelig fühlen, das kann man in Südwestjütland nicht nur im weichen Nordseesand, sondern auch in den hübschen Ortschaften der Region: Ribe, die älteste Stadt Dänemarks, ist der Inbegriff von Gemütlichkeit. Ihre 1300 Jahre sieht man ihr an, und das im besten Sinne. Bevor ich mich im Zentrum in das Gewirr aus gemütlichen Altstadtgassen begab, genoss ich erstmal die Sicht auf den Fluss Å von einem der gemütlichen Holzsessel gegenüber dem berühmten Wikingermuseum von Ribe. Auf diesen Sitzgelegenheiten rutscht man ganz automatisch nach hinten in eine bequeme Döseposition. Ist das gewollt? Bestimmt. Ist es störend? Auf keinen Fall!

Wenn man dann den Kopfsteinpflasterstraßen folgt, sieht man gepflegte Gärten, Backsteinbauten und Fachwerkhäuser, die schon ein wenig in sich zusammensinken, aber dadurch der kleinen Stadt noch mehr historischen Charme verleihen. Die einst reichste und größte Stadt Dänemarks war im Mittelalter ein bedeutendes Handelszentrum. Vom Glanz dieser Zeiten zeugt die imposante Domkirche, die mich mit ihrer hellen und freundlichen Atmosphäre im Inneren sofort in ihren Bann zog. Besonders schön sind auch Ribes Hinterhöfe, die man mit einem Guide erkunden kann. Ab und zu blinzelt zwischen den schmucken Häuschen ein erfrischendes Kleinod aus Grün und sämtlichen Blütenfarben hervor. Der Nationalpark Wattenmeer liegt hier ebenfalls vor der Haustür.

Menschen am Meer

Auch Esbjerg, die jüngste Stadt Dänemarks, besteht schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts und hat neben dem wichtigen Hafen einige schöne Bummelzeilen zu bieten. Wahrzeichen der Stadt sind der Wasserturm und die neun Meter hohe Skulpturengruppe “Mennesket ved Havet” (Der Mensch am Meer) des Künstlers Svend Wiig Hansen, die aufs Meer schaut und der engen Verbindung zwischen Mensch und Natur Ausdruck verleihen soll. Vom Esbjerger Hafen ist man mit der Fähre in zwölf Minuten auf der schönen Wattenmeerinsel Fanø, wo man sich ganz vom Nordseewind durchwehen lassen kann.

Von Jütland nach Kopenhagen

Nach dem anfänglichen Runterschalten war ich nun bereit für die Großstädte des Landes, wobei selbst Kopenhagen als größte Stadt Dänemarks wahrscheinlich eine der entspanntesten Hauptstädte der Welt sein dürfte. Schon die Fahrt von Südwestjütland quer durchs Land war eine Freude: Mit gemütlichen Ortschaften gesprenkelte Heidelandschaften wechselten sich ab mit Sehnsucht weckenden Ausblicken aufs Meer. Auf dem Weg nach Kopenhagen überquert man zwei bedeutende Brücken. Besonders beeindruckend ist die Verbindung Storebæltsbroen zwischen den Inseln Fünen und Seeland. Aus Umweltsicht dürfte sie, ähnlich wie die Øresundbrücke, Magenschmerzen bereiten, aber trotz des schlechten Gewissens konnte ich mich der Chuzpe der Ingenieure und der unvergleichlichen Aussichten während der Fahrt nicht erwehren. Segelboote zeigten sich als weiße Tupfen auf dem endlos scheinenden Blau, das in der Sonne glitzerte. Ich war endgültig im Urlaubsgefühl angekommen - und hatte mich bereits in dieses wunderbar entspannte Land verliebt.

Alt und Neu in Harmonie

Zwischen dem Trubel des Tivoli, des zweitältesten Freizeitparks der Welt, und der Idylle im Garten der Ny Carlsberg Glyptotek näherte ich mich der skandinavischen Metropole Kopenhagen. In dieser Stadt gelingt der Kontrast aus Alt und Neu. Eben noch war ich durch den malerischen Park der altehrwürdigen Königlichen Bibliothek gestreift und schon stand ich vor dem Sorte Diamant, dem Schwarzen Diamanten, einem hypermodern anmutenden Bibliotheksanbau, der auch als Veranstaltungsort dient und interessante Ausstellungen beherbergt.

Fahrradstadt Kopenhagen

Immer auf der Havnegade am Wasser entlang mit Blick auf traditionelle Backsteinbauten, die wunderbar mit Ausflügen in die neuere Architektur harmonieren, begab ich mich auf den Weg in Touristen-Hot-Spot-Territorium, den legendären Nyhavn, der einem von wirklich jedem Postkartenstand in Kopenhagen in 2D-Form auf Papier gebannt entgegenblickt. Kurz vor diesem Zwischenziel muss man die Augen jedoch nochmal von den malerischen Giebelfassaden abwenden und auf das Geschehen vor einem richten, wenn man denn eine Kollision mit einem von Kopenhagens rasanten Fahrradfahrern vermeiden möchte. Nach eigenen Angaben sind die Hauptstädter nicht ohne Grund schnell unterwegs: Sie haben es eben eilig und Touristen stören da auf ihrer Route. Tatsächlich werden bereits die Hälfte der Wege in Kopenhagen mit dem Fahrrad zurückgelegt, was in den nächsten Jahren zugunsten der Klimafreundlichkeit noch ausgebaut werden soll. Schon heute wird für Drahteselbesitzer viel getan. Spezieller Belag, der das Fahrradfahren erleichtert und Ampelphasen, die an Kopenhagens Zweiräder angepasst sind, sind nur einige dieser Besserungen auf dem Weg zur fahrradfreundlichsten Stadt der Welt. Passenderweise kann man Kopenhagen auch bequem auf dem Fahrrad erkunden.

Softeis mit Hans Christian Andersen am Nyhavn

Hat man also eine unangenehme Begegnung mit den sportlichen Kopenhagenern, die am Nyhavn über die Brücke Inderhavnsbroen gesaust kommen, vermieden, kann man sich ins Getümmel zwischen Schiffstakelage und bunten Häuserfassaden stürzen. Es ist wirklich so schön, wie man es von Bildern kennt, oder eigentlich noch viel schöner. Im Eiscafé Vaffelbageren genehmigte ich mir ein dänisches Softeis, das ich von nun an gerne nach Hause geliefert bekommen möchte. Wer es herzhaft mag, verspeist ein typisch dänisches Smørrebrød. Am Nyhavn reiht sich praktischerweise sowieso ein Café und Restaurant ans nächste und Hans Christian Andersens Wohnhaus in der Nummer 67 kann man ebenfalls bewundern. Dänische Lebensart genießen, sich einfach mal treiben lassen (und das meine ich nicht nur wegen der Touristenströme) - hier kann man noch durch die Welt trudeln.

Zu einer Städtereise nach Kopenhagen gehören natürlich auch der Kongens Nytorv, das futuristische Opernhaus, die Einkaufsmeile Strøget, Amalienborg Slot - der Sitz von Königin Margrethe II. - und die Kleine Meerjungfrau, Den Lille Havfrue, die seit gut 100 Jahren mehrere Amputationen und weitere boshafte Beschädigungen überdauert und sehnsüchtig aufs Wasser blickt. Besondere Entdeckungen versprechen auch die ehemaligen Industriehallen gegenüber dem Nyhavn mit ihren Ausstellungen, Veranstaltungen und Street-Food-Märkten. Es gibt zwar noch unzählige weitere Attraktionen, doch mich lockte nun die nächste Stadtentdeckung.

Aarhus - Kulturhauptstadt 2017 mit Regenbogenpanorama

Aus dem Schatten der Hauptstadt treten, sich als kulturelles Zentrum behaupten - das ist das Ziel der dänischen Kulturhauptstadt 2017: Aarhus im Westen Dänemarks. Sie ist nach Kopenhagen die zweitgrößte Stadt Dänemarks, nennt dafür aber die größte Universität des Landes ihr Eigen und kann sich damit gleich noch als besonders junge und hippe Stadt positionieren. Ihre kleinere Fläche ist auch eine Stärke, denn Natur und Kultur, Zentrum und Vorstadt liegen hier nah beieinander. Highlight eines jeden Stadtbesuchs ist das Kunstmuseum ARoS, das sich über zehn Etagen erstreckt und dank des Regenbogengangs des dänisch-isländischen Künstlers Ólafur Elíasson auf dem Dach wortwörtlich die Krone aufgesetzt bekam. So farbenfroh es in der Eingangshalle des Museums mit der acht Etagen überspannenden Textilinstallation "Valkyrie Rán" der portugiesischen Künstlerin Joana Vasconcelos losgeht, so endet denn auch der Besuch, wenn man Elíassons “Your rainbow panorama” durchschreitet und dabei die 360°-Ansicht von Aarhus in allen Farben des Regenbogens genießt.

Kunst, Geschichte, Kneipen und Botanik

Die hoffentlich bald nicht mehr ewig Zweite wartet mit einer lebendigen Kunst- und Musikszene, Kneipen und Restaurants auf, verbindet Junges und Modernes aber auch mit Traditionsbewusstsein: Im Freilichtmuseum Den Gamle by (Alte Stadt) durchreist man gleich mehrere Epochen und kann die Lebensweisen vergangener Zeiten hautnah nachvollziehen. Für Erholung sorgt der luftig-hell und modern konzipierte Botanische Garten von Aarhus, der frei zugänglich ist und dank seiner Lage auf einer Anhöhe im Norden der Stadt schöne Aussichten beschert.

Bis bald in Dänemark

Es gäbe noch so viele Tipps, so viele kleine Erlebnisse und Entdeckungen, über die ich gerne schreiben wollte, dabei habe ich nur einen kleinen Teil dieses für Erholung geradezu prädestinierten Landes gesehen. Doch egal, wie lange man dort ist, es stellt sich unvermutet schnell der Hygge-Effekt ein. Die freundlichen und hilfsbereiten Einwohner, das weite Land, die sich stets wandelnde See, an der ich mich einfach nicht sattsehen kann, diese besondere Lichtstimmung...An all das werde ich mich immer gerne erinnern und in stressigen Momenten einfach ein kleines Stück Dänemark heraufbeschwören. Außerdem gibt es noch so viel, das ich entdecken möchte: die Künstlerstadt Skagen, Hans Christian Andersens Geburtsstadt Odense, die Dänische Südsee und schließlich auch die Insel Bornholm als “Dänemark im Kleinen” - denn diese Reise war auf keinen Fall meine letzte nach Dänemark.

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