Gestrandet in Cancún: "Sorry, we are overbooked"

Gestrandet in Cancún: "Sorry, we are overbooked"

Kennt ihr den Film "Terminal"? Wo Tom Hanks als argloser Tourist am Flughafen landet und durch einen dummen Zufall in die Situation gerät, dass er weder ein- noch ausreisen kann? Im Film ist das ziemlich lustig mitanzusehen. Wie es sich in echt anfühlt, habe ich vergangene Woche in Mexiko selbst erlebt.

Reisebericht

Morgens, 7 Uhr in Mexiko

Es ist 7 Uhr morgens als ich mit dem Bus aus Cuernavaca, gut zwei Stunden südlich von Mexiko-Stadt, in Richtung Flughafen Benito Juárez aufbreche. Die Hitze sticht um diese Jahreszeit, schon morgens steht die feucht-warme Luft in den vollen Straßen der Metropole. Und so bin ich heilfroh, als ich im klimatisierten Wartesaal am Gate in den Stuhl sinke und auf den Aufruf für Flug 3152 nach Cancún warte.

Ich fliege mit der mexikanischen Billigairline VivaAerobus. Für 1.500 mexikanische Pesos, umgerechnet etwa 72€, werde ich auf die Yucatán-Halbinsel am anderen Ende Mexikos gebracht, wo ich am späten Nachmittag mit einem Ferienflieger von Condor zurück nach Frankfurt aufbrechen werde.

Viva Unpünktlichkeit!

Vivaaerobus ist nicht nur bekannt für seine echt billigen Preise sondern auch für seine echt unpünktlichen Flugzeiten (was weniger die Schuld der Airline als des überlasteten Flughafens in Mexiko-Stadt ist, der für deren Flieger die allerletzten Plätze bereithält). So mache ich mir auch 45 Minuten nach angekündigter Boardingzeit keine Gedanken, dass noch nicht einmal der Monitor am Gate in Betrieb genommen geschweigedenn ein Flugzeug zu sehen ist. In weiser Voraussicht habe ich einen Flug früher gebucht als nötig.

Angekommen in Cancún kämpfe ich mich am Ausgang durch die Armada an Taxifahrern durch, die mir ihr Dienste lautstark mit "A donde vas, güerro??!" anbieten. Da ich mittlerweile weiß, dass ein kostenloser Shuttle zwischen den Terminals fährt, winke ich dankend ab und sehe zu, wie sie sich auf die nächsten ahnungslosen Urlauber stürzen.

Die erste Überraschung

Zweieinhalb Stunden vor Abflugzeit stehe ich – ein bisschen Stolz auf meine eigene Zeitplanung – am Schalter von Condor. Ein Señor im weißen Hemd nimmt meinen Reisepass entgegen, tippt etwas herum und schlendert sodann drei Schalter weiter, wo er sich scherzend mit einem Kollegen unterhält. Nach etwa zehn Minuten frage ich dezent nach, ob denn alles in Ordnung sei, was er mit einem Nicken quittiert. Es würden bloß noch ein paar Plätze getauscht.

Ein paar Telefonate später sieht es so aus, als gebe es doch ein kleines Problemchen. Die Economy-Class sei überbucht, es gebe aber noch genug Plätze in der Premium- und Business-Class. Er stellt mir deshalb eine Bordkarte ohne Platznummer aus, welche mir am Gate mitgeteilt würde.

Die zweite Überraschung

In freudiger Erwartung meiner ersten Business-Class-Erfahrung lasse ich mich auch am Gate noch einmal wegen meiner Platznummer vertrösten und harre geduldig der Dinge. Als das Boarding endlich beginnt, sehe ich, dass ich offensichtlich nicht der Einzige bin, der noch ohne Platznummer dasteht. Vor dem Tresen stehen mehrere Leute. Am Gesichtsausdruck einer jungen Frau erkenne ich leichten Unmut über die Warterei, den ich gar nicht verstehen kann, schließlich wartet auf uns doch das leckere Business-Essen.

Ich versuche sie mit ebendiesem Gedanken zu beruhigen, doch da bricht es schon aus ihr heraus: "Ich will dir ja keine Angst machen, aber uns haben sie gerade gesagt, dass es gar keine Plätze mehr gibt und wir wahrscheinlich hier bleiben!".

In dem Moment schnappe ich ein paar Fetzen von "completely overbooked" auf und vergewissere mich auf Spanisch noch einmal, ob es wirklich gar keine Plätze mehr gäbe, was der Mann am Tresen mit "si, señor, para nada" bestätigt und weiter etwas von Hotel und Flug morgen erzählt, doch da bin ich gedanklich schon völlig woanders. Was ist jetzt mit meinem Anschlusszug in Frankfurt morgen? Was ist mit meinem Arbeitstag übermorgen? Und wie zum Geier kann das überhaupt passieren?

Gepäck und Papiere weg

Während die Schlange an brav aufgereihten Urlaubern an mir in Richtung Flieger vorbeizieht, mache ich die Bekanntschaft von Jana und ihren Eltern, die das gleiche Schicksal wie ich teilen. Ein anderer Flughafenmitarbeiter in in gelber Warnweste klärt uns darüber auf, dass wir die Nacht wohl in einem Hotel in Cancún verbringen und am nächsten Tag nach Mexiko-Stadt geflogen werden, von wo aus wir mit Lufthansa nach Deutschland gebracht würden.

Während sich Janas Mutter schon freut ("Ach toll, dann kommen wir auch mal nach Mexiko-Stadt"), denke ich erneut an den turbulenzenreichen Hinflug, den ich gerade erst hinter mir habe. In dem Moment höre ich erneut den Flughafenmitarbeiter in sonnengelber Warnweste, der mir auf Spanisch zu verstehen gibt, dass er nun versuchen will, unser Gepäck und unsere Touristenvisa wieder zurückzukommen.

Daran hatte ich Null gedacht! Unser Gepäck war ja schon verladen, auch die forma migratoria, die jeder Tourist bei der Einreise nach Mexiko erhält, hatten wir beim Check-In bereits abgeben müssen. Ohne diese Karte darf man sich offiziell nicht in Mexiko bewegen und natürlich auch nicht Reisen geschweige denn Fliegen. Wie streng die mexikanischen Migrationsbehörden geworden sind, hatte ich bereits von Freunden gehört, die etwa wegen kleiner Formfehler in ihren Reiseokumenten Probleme bekommen hatten.

"Bad News" und "very Bad News"

In diesem Moment waren ich, Jana und ihre Eltern also im Grunde illegal in Mexiko, ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung – und ohne Gepäck. Unweigerlich muss ich an Tom Hanks in dem Film "Terminal" denken und sehe uns vier schon im Flughafen-Starbucks übernachten, wo wir uns gerade niedergelassen hatten, um auf den Mann vom Flughafen zu warten.

Jana erzählt mir, dass sie eigentlich am Freitag auf eine Hochzeit eingeladen sei und diese nun natürlich verpasse. "Wie gut, dass du das Kleid nur geliehen und nicht gekauft hast!", wirft ihre Mutter sinnigerweise ein. Als ich mich mit ihrem Vater gerade zu einem Drink in der Hotelbar auf Kosten von Condor verschworen habe, kommt unser Flughafenamigo zurück mit "bad news".

Er habe gerade mit seinen Kollegen gesprochen und wir könnten nun doch mitfliegen – allerdings bloß drei von uns. Der Flieger stünde immer noch am Gate und warte. Wir gucken uns verwirrt an mit einem Einer-für-alle-alle-für-Einen-Gefühl. Kurz darauf Storno: "very bad news". Es sei doch kein Platz. Und dann, nach einem weiteren Telefonat, heißt es doch: Janas Familie wird mit der gleichen Maschine zurückfliegen können. Etwas wehmütig nehme ich Abschied von meiner Zufallsbekanntschaft, sehe zu, wie sie mit unserem Amigo verschwinden und bleibe alleine zurück.

Drei ominöse Russen

Es ist mittlerweile fast 20 Uhr, dreieinhal Stunden nach ursprünglicher Abflugzeit, die Check-In Schalter sind bereits geschlossen und von meinen Flughafen-Amigo keine Spur. Verunsichert tigere ich umher. Gehe noch einmal zum Bankautomaten, da ich weder Pesos noch Handyguthaben mehr habe.

In dem Moment sehe ich die gelbe Weste meines Amigos aufleuchten. Er hat meinen Koffer im Schlepptau und mein Touristenvisum hat er auch aufgetrieben. Während wir aufs Taxi warten, erzählt er mir, dass mit unserem Flieger drei Russen, zwei Männer und eine Frau, gekommen seien, welche die mexikanischen Migrationsbeamten nicht ins Land gelassen hätten. Angeblich hätten sie über sechs Monate in Mexiko bleiben wollen, aber nichts als Handgepäck und kein Visum dabeigehabt. Obendrein sei die Frau hochschwanger und später zusammengebrochen, weshalb sie nun eine Nacht auf der Migrationsstelle am Flughafen verbringen würden, bevor sie zurückgeflogen werden.

Ob so etwas oft vorkomme, frage ich, und er lacht. Nein, allerdings seien ihm schon viele andere skurrile Dinge passiert. Manchmal würden Leute, die ihn schon kennen, extra nach überbuchten Flügen fragen, um dann eine oder zwei kostenlose Nächte im Hotel abzustauben.

Eine Nacht im Touristentempel

Mein Hotelzimmer liegt abseits vom Haupthotel, einer bekannten Kette, direkt zwischen dem Pool und einer Baustelle, die den ohnehin riesigen Hotel-Komplex offenbar noch erweitern soll. Um zum Restaurant zu gelangen, muss ich einmal rund ums Hotel laufen. Als ich gerade los will, bricht vor meiner Tür ein unaufhörlicher Platzregen los. Die Regenzeit in Cancún kennt keine Gnade. Das mit dem Abendessen fällt dann also auch ins Wasser, denk ich und frage mich innerlich lachend, was eigentlich noch schief laufen kann.

Als hätten mich die Reisegötter erhört, verläuft der Rest der Rückreise unverhofft reibungslos. Erst in Frankfurt, als ich nach fast 56 Stunden Rückreise endlich am Service-Schalter von Condor stehe, und nach meinen Rechten auf Entschädigung frage, ahne ich, dass die Geschichte noch nicht zu Ende ist: "Wie, in Cancún haben Sie keinen DBC bekommen?! Ohne dieses Dokument haben wir ja gar kein Nachweis. Im Computer steht zwar 'ne Riesengeschichte, aber nichts von Ihrem Namen!".

Ohje, denke ich. Was würde Tom Hanks jetzt wohl machen?

Weiterführende Informationen

Deine Rechte als Fluggast sind in der EU-Fluggastrechteverordnung klar geregelt. Laut der EU-Verordnung 261/2004 muss dir die Airline bei Nichtbeförderung eine pauschale Entschädigung als Ausgleichsleistung (orig. "Denied Boarding Compensation", kurz DBC) zahlen. Dazu erhält du direkt am betroffenen Abflughafen ein entsprechendes Formular (was in meinem Fall nicht geschehen ist), welches du gemeinsam mit weiteren Nachweisen (Kopie des Flugscheins, ggf. Unkostenabrechnung) später bei deiner Airline in Deutschland einreichst.

Dir stehen zu:

250 € für eine Flugstrecke kürzer gleich 1500 km
400 € für eine weitere Strecke innerhalb der EU oder kleiner gleich 3500 km
600 € bei Flugstrecken länger als 3500 km

Wird ein Alternativflug angeboten, der nicht später als zwei/drei bzw. vier Stunden (je nach obiger Distanz) gegenüber dem geplanten Flug am Ziel eintrifft, stehen die Ausgleichsleistungen nur zu 50 Prozent zu.

Zudem hast du bei Nichtbeförderung Anspruch auf Erstattung des Ticketpreises oder eine anderweitige Beförderung zum Zielort, frühestmöglich oder nach Wunschtermin, sofern Plätze vorhanden sind. Darüber hinaus hast du Anspruch auf unentgeltliche Betreuungsleistungen. Dazu zählen Mahlzeiten und Erfrischungen in angemessenem Verhältnis zur Wartezeit, eine Hotelunterbringung (falls ein Aufenthalt von einer oder mehreren Nächten notwendig ist), Transfer, sowie die Möglichkeit, zwei Telefongespräche, Telefaxe oder Emails zu versenden.

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