Narco-Tourismus in Kolumbien: Kaffeekränzchen mit Roberto Escobar

Narco-Tourismus in Kolumbien: Kaffeekränzchen mit Roberto Escobar

Einst stand der Name Escobar in Kolumbien für Drogen und Gewalt. Heute lockt er Touristen aus der ganzen Welt an. In Medellín kann man Touren zum Grab von Pablo Escobar, seiner Finca und von ihm gebaute Dörfer buchen – einen Plausch mit Ex-Kartellmitgliedern und engsten Verwandten des Drogenbosses gibt's inklusive.

Reisebericht

Da will ich auch hin!

Der Rezeptionist schüttelt den Kopf, als ich vor ihm stehe und freudestrahlend verkünde, dass ich eine Pablo-Escobar-Tour buchen möchte. "Die zeigen eh nur ein paar leere Häuser und knöpfen euch dabei 'ne Menge Geld ab", behauptet der junge Mann. Ich zögere kurz. Gut möglich, dass er recht hat. Pablo Escobar – einer der einflussreichsten Drogenbosse der Geschichte – hat zweifelhaften Ruhm erlangt und ist nun vor allem bei Touristen beliebt, nicht zuletzt durch die Netflix-Serie "Narcos". Andererseits – wann bin ich mal wieder in Medellín? Und 30 US-Dollar für eine vierstündige Tour sind zu verkraften. Außerdem möchte ich mir selber eine Meinung zur Tour bilden. Unser Hotel kooperiert mit keinem der Veranstalter, der Anti-Pablo-Rezeptionist organisiert mir dann aber doch eine Tour bei einem benachbarten Hotel. Angeblich treffen wir am Ende der Fahrt sogar Roberto Escobar, Pablos drei Jahre älteren Bruder. In den 90er Jahren war auf den Finanzverwalter des Medellíner Drogenkartells ein Kopfgeld in Höhe von 10 Millionen Dollar ausgesetzt, heute trifft er sich mit Touristen? Die 90.000 Pesos sind zu verkraften, schätze ich.

Am nächsten Tag geht es um acht Uhr morgens und damit für Langschläfer wie mich zu einer doch sehr unchristlichen Zeit los. Meine Freundin, ich und ein Australier, der auch in Kolumbien Urlaub macht, sind die einzigen Teilnehmer und werden von einem weißen Van abgeholt. Wir machen es uns in den schwarzen Ledersesseln des Autos bequem und Juan Carlos, ein junger Bauingenieurwesen-Student, beginnt vom Leben Pablo Escobars und der Geschichte des Medellín-Kartells zu erzählen.

Einst gefährlichste Stadt der Welt, heute beliebtes Touristenziel

Wir erfahren, dass Medellín zu Escobars Hochzeiten als gefährlichste Stadt der Welt galt. Heute ist die Stadt für viele Touristen auf Kolumbien-Reise ein beliebtes Ausflugsziel und gilt als sehr sicher – auch wenn täglich noch immer bis zu vier Menschen von Drogenbanden ermordet werden. Erst seit 2016 erscheint Medellin nicht mehr auf der Liste der gefährlichsten Orte der Welt. "Plata o Plomo" (Silber oder Kugel), der berühmte Spruch sei damals bestimmend gewesen – entweder, man arbeitete mit Escobar zusammen oder man wurde ermordet. Dann sind wir da, springen aus dem Van und überqueren einen sonnenbeleuchteten Friedhof, an dessen Ende man einen super Blick auf die Stadt hat. Im hinteren Teil der Anlage befindet sich auch das Grab von Pablo Escobar, hohe grüne Tannen umsäumen das graue Rechteck. In geschwungener goldener Schrift steht auf dem ersten grauen Messingstein: Pablo Emilio Escobar Gaviria sowie seine Geburtsdaten. Am 2. Dezember 1993, einen Tag nach seinem 44. Geburtstag, wurde El Patron von Polizisten erschossen. Ebenso wie sein Leibwächter, der bei derselben Polizeiaktion ums Leben kam. Außerdem ruhen dort Pablos Mutter Hermilda, sein Vater, ein Kindermädchen, ein Cousin und ein Bruder Pablo Escobars, der mit 19 Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam. Das Auto war ein Geschenk von Pablo, finanziert mit seinen ersten Einkünften aus Drogenhandel, wie unser Guide zu berichten weiß. Ebenso wie er den zweiten Vornamen seiner Nanny kennt und weiß, an welcher Krebsart Pablo Escobar Vater erkrankt ist. Ich habe schon jetzt das Gefühl, dass die Tour aus mehr besteht als einer Besichtigung leerer Häuser.

Jemand hat erst vor kurzem frische gelbe Blumen hergebracht. "Für die arme Bevölkerung war Pablo Escobar ein Held, ihr Robin Hood", erzählt Juan Carlos. Denn Escobar hat stets für die arme Bevölkerung Kolumbiens gespendet, ihnen ganze Häuser gebaut. Zurück am Van hat Jaime, unser Fahrer, bereits ein paar Pablo Escobar-Souvenirs auf einer Bank aufgebaut: Sticker, Postkarten, DVDs, sogar T-Shirts und sogar kühles Bier. Ich kaufe zwei Pablo Escobar-Sticker als Mitbringsel für den Freund meiner Schwester, großer Narcos-Fan. Dann ist Jaime an der Reihe mit Erzählen. Wie sich herausstellt, war er einst Fahrer des Medellín-Kartells! Wir wollen sofort wissen, wie Pablo Escobar als Mensch war, ob er keine Angst hatte und natürlich, warum er überhaupt frei ist.

Der Fahrer der Tour war früher Mitglied im Medellín-Kartell

Jaime erzählt, dass er damals viel Geld hatte, aber heute viel glücklicher sei. Als die Kämpfe der beiden Drogenkartelle ihren Höhepunkt erreichten, sei er enorm paranoid und ängstlich gewesen. Im Restaurant hatte er seine Waffe stets auf dem Schoß unterm Tisch. Pablo Escobar sei als Mensch sehr einfach und umgänglich gewesen. Seine Vorlieben seien Marihuana, Heineken-Bier und Frauen gewesen – Kokain habe er nie genommen. Solange man nicht Feind war, habe man keine Probleme mit ihm gehabt.

Der nächste Stop auf unserer Tour ist ein leerstehendes Glasgebäude namens Dallas. Mehrere Gebäude Escobars fänden keine Käufer, erklärt Juan Carlos. Andere würden heute für ganz gegensätzliche Zwecke genutzt, so ist Pablos selbstgebauten Gefängnis "La Cathedral" heute ein Kloster.

Roberto Escobar begrüβt seine Gäste

Nun geht es weiter zur letzten Station auf unserer Tour, zur Finca der Escobars, die heute von Roberto Escobar verwaltet wird. Juan Carlos unterhält uns weiterhin mit Anekdoten aus dem Schaffen des Drogenbarons, jetzt erzählt er von dem vielen Geld, das noch in ganz Amerika irgendwo vergraben ist. Immer wieder kommt es vor, dass jemand zufällig Dollarscheine im Boden finden, es gebe sogar Menschen, die gezielt danach suchen.

Es geht einen steilen Berg hoch, an dessen Ende sich ein schweres Eisentor befindet. Dahinter erwartet uns lächelnd Roberto Escobar: Der Mann, nach dem einst mit genauso viel Aufwand wie nach Pablo Escobar gesucht wurde (er verwaltete die Finanzen) – trägt ein rosa Polohemd und eine blaue Leinenhose. Die Folgen eines Briefbombenanschlags sind noch immer sichtbar: Sein Gesicht ziert eine große Narbe, er trägt eine dicke Brille und ein Hörgerät. Nach dem Tod seines Bruders kam er ins Gefängnis, wo er kurze Zeit später einen Brief mit einer Bombe, vermutlich von den rivalisierenden Peppos, erhielt. Wegen des Anschlags beziehungsweise weil das Gefängnispersonal seine Post nicht ordentlich kontrollierte, klagte er und konnte so seine Haftzeit verkürzen. Jetzt verwaltet er den Nachlass seines Bruders.

In der Finca kann der Besucher sehen, was sich der Drogenbaron einst alles leisten konnte: Wasserski, Motorrad, der berühmte blaue Wartburg, ein roter Jeep mit kugelsicheren Fenstern. Wir dürfen uns sogar in den Jeep mit den kugelsicheren Scheiben oder aufs Motorrad setzen und Erinnerungsfotos knipsen. In der Garage steht auch der blaue Wartburg Escobars. Innen geht es weiter mit liebevoll gerahmten Familienfotos, eines der Gemälde hat ein Einschussloch, schiebt man es zur Seite, sieht man, wie tief sich die Kugel in die Wand bohrte. Die Wand am Kamin im Wohnzimmer lässt sich drehen, im Geheimfach dahinter befindet sich ein Gewehr.

Fotos mit dem einstigen Schwerverbrecher

Juan Carlos erzählt derweil noch weitere Stories der Kokain-Geschichte - etwa, dass der Rest von Escobars Familie, also Frau und Kinder, heute in Argentinien lebt. Auch in Deutschland hätten sie Asyl beantragt, weiß Juan Carlos, jedoch ohne Erfolg. Vor einem Riesengemälde mit Rassepferd, es war ein Geschenk Pablos an den großen Bruder, bleibt er stehen. Mehrere hundert tausend Dollar hätten Züchter für den Samen des Tieres bezahlt – bis es eines Tages von einem rivalisierenden Drogenkartelle gestohlen wurde. Per Post bekam Roberto die Überreste der Hoden, das Pferd verblutete. Gewalt und Brutalität waren eben immer an der Tagesordnung der Escobars.

Am Ende stehen wir im Garten, von wo aus man weit über Medellín blicken kann. Juan Carlos zeigt uns, wo Pablo Escobars Dorf, also ein Viertel, in dem er Häuser für die arme Bevölkerung gebaut hat, liegt.

Dann kommt noch einmal Roberto Escobar zu uns. Er fragt nett, ob wir einen Kaffee oder ein Glas Wasser trinken wollen, und zeigt uns dann Fotos und Karten, die wir kaufen können, etwa das Plakat, mit dem nach ihm, seinem Bruder und anderen Mitgliedern des Medellín-Kartels gesucht wurde. Für 10.000 Pesos, etwa drei Dollar, kann man die kleinen Plakate kaufen – inklusive Signatur und Fingerabdruck von Roberto. Selbst für Fotos stellt Roberto Escobar sich geduldig bereit. Als alle Teilnehmer für ein Foto posiert haben, gesellt er sich nochmal zu uns und setzt zu einer kleinen Rede an: Er hoffe, der Besuch in der Finca habe uns Spaß bereitet und dass wir weiterhin eine tolle Reise erleben. Auch persönlich wünscht er uns alles Gute: "Macht immer nur das, worauf ihr Lust habt. Ich wünsche euch, dass alles so klappt, wie ihr euch es vorgestellt habt!". Ein Monster haben wir heute nicht getroffen.

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