"30 Urlaubstage? Ist doch eh schon normal, oder?"

"30 Urlaubstage? Ist doch eh schon normal, oder?"

Vor gut drei Wochen hat Urlaubsheld eine Petition für mehr gesetzlichen Urlaubsanspruch gestartet. Zeit für einen Zwischenstand: Wie kommt die Idee im Land an? Und was sagen die politischen Parteien und die Gewerkschaften dazu? Wir haben nachgefragt – und teils überraschende Antworten bekommen.

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Vor gut drei Wochen hat Urlaubsheld eine Petition für mehr gesetzlichen Urlaubsanspruch gestartet. Seitdem haben fast 200 Menschen das Anliegen mit ihrer Stimme bei change.org unterstützt und engagiert kommentiert. Wir wollen wissen: Wie sind die Reaktionen auf die Petition?

Insgesamt ist das Stimmungsbild unter den Usern bei Facebook und im Kommentarbereich der Petition ziemlich deutlich: Die Meisten halten den gesetzlichen Mindestanspruch auf Urlaub für zu gering und wünschen sich mehr als die 20 bzw. 24 vorgeschriebenen Urlaubstage im Jahr. Viele Unterzeichner stimmen unserer Argumentation voll zu, dass mehr Urlaub auch der Produktivität der Unternehmen zu Gute kommt. So begründet etwa Bianca ihre Entscheidung: “Ich unterschreibe, weil ich definitiv der Meinung bin, dass mehr Urlaubstage für die Arbeitnehmer ein Ansporn sind zum Arbeiten. Der Arbeitnehmer fühlt sich besser und kann sich problemlos auch mal 3 Wochen Urlaub gönnen, denn diese Zeit braucht man mindestens, um ordentlich abschalten und neue Energie tanken zu können”.

Ungerechte Verteilung im Land

Viele Menschen bestätigen außerdem, was die Zahlen der Statistik bereits vermuten ließen: In Deutschland geht es bei der Verteilung von Urlaubstagen sehr ungerecht zu. Während viele Menschen aus körperlich anstrengenden Branchen, etwa dem Baugewerbe oder Pflegeberufen, sich nach mehr als 20 Urlaubstagen sehnen, sind andere beim Urlaub deutlich besser gestellt. “Ich bekomme die 30 Tage nicht einmal aufgebraucht”, kommentiert Userin Cany bei Facebook. Einige User geben an, sogar weit über 40 Urlaubstage im Jahr von ihrem Arbeitgeber zu erhalten. “Ich habe 45 Urlaubstage!”, schreibt etwa Sonja, die am Staatstheater in München arbeitet. Doch um Neid soll es hierbei nicht gehen, vielmehr um Gerechtigkeit wie Suzanne schön auf den Punkt bringt: "Ich stimme für die Petition, weil ich weiß, wie es ist, 30 Tage Urlaub zu haben und ich finde, diese Erholung haben alle verdient!".

Menschen im Osten haben das Nachsehen

Bei der Zahl der Urlaubstage spielt offenbar auch das Gehalt eine Rolle: Unter den Unterstützern der Petition finden sich vor allem Menschen, die in eher gering bezahlten Branchen oder sogar im Mindestlohnbereich arbeiten. Außerdem kommt es beim Thema Urlaub wohl immer noch auf den Wohnort an. Andreas aus Baden-Württemberg geht davon aus, dass 30 Urlaubstage doch “eh schon normal sind”, wie er schreibt. “Ich wüsste niemand der weniger hat. Eher mehr.” Rebecca wohnt in Sachsen und widerspricht: “Frag mal im Osten. Ich kenne genau 2 Personen, die 30 Tage und mehr Urlaub haben. Und die anderen gehen teilweise 6 Tage die Woche arbeiten und krebsen dann mit 24 Tagen Mindesturlaub rum.”

Viele wünschen sich mehr Zeit für Familie

Was würden die Menschen mit mehr Urlaub anfangen? Neben den Punkten Erholung und Urlaub ist für viele Unterstützer der Petition wichtig, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. “Jeder sollte sich in einer rasch lebenden Welt mehr Zeit für sich und der Familie gönnen!”, schreibt etwa Anastassia. Auch Tanja unterzeichnet die Petition, weil “ich in den Ferien immer gucken muss, wie ich die Kinder unterbringe. Da ist jeder Urlaubstag Gold wert und bedeutet weniger Stress”.

Doch wie stehen eigentlich die politischen Parteien zu der Forderung, den bislang geltenden gesetzlichen Mindestanspruch von 20 Urlaubstagen zu erhöhen? Und was sagen die Gewerkschaften? Wir haben die großen politischen Parteien sowie den Deutschen Gewerkschaftsbund und die Gewerkschaft ver.di um eine Stellungnahme zum Thema “Gesetzlicher Urlaubsanspruch” gebeten. Dazu haben wir ihnen auch unsere Argumente für eine Anhebung des Mindestanspruchs auf Urlaub zukommen lassen.

SPD: Mehr Urlaub ja, aber Sache der Gewerkschaft

Die SPD ist im Grundsatz für ausreichend Erholungsurlaub, sieht derzeit aber keinen Diskussionsraum für eine Erhöhung des gesetzlich geregelten Mindesturlaubsanspruchs. Vielmehr werde der Urlaubsanspruch als Teil der Arbeitsbedingungen in Deutschland traditionell von den Gewerkschaften für die einzelnen Branchen ausgehandelt. “Dieses Prinzip hat sich aus unserer Sicht bewährt und sollte gestärkt werden”, schreibt die SPD in ihrer Antwort an Urlaubsheld.

“Tariflich gibt es in den meisten Branchen einen Urlaubsanspruch von 28 bis 30 Tagen. Der tatsächlich gewährte und genommene Urlaub bewegt sich in Deutschland auf deutlich höherem Niveau als der gesetzliche Mindestanspruch und ist durchaus vergleichbar mit unseren europäischen Partnerländern”, so die SPD.

Das Problem ist nur: Seit den 90er Jahren werden immer weniger Arbeitsverhältnisse nach Tarif geregelt. Dies hat die SPD zwar auch erkannt und will diesen Trend “stoppen und umkehren”, welche Maßnahmen genau und in welchem Zeitraum geplant sind, lässt die Partei jedoch offen. Was die Mehrbelastung am Arbeitsplatz durch die Digitalisierung betrifft, so will die SPD sich gegen den Trend zur „Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit“ stellen und “eine Klarstellung des Rechts auf Nicht-Erreichbarkeit”.

Grüne: Andere Arbeitskultur in Unternehmen etablieren

Hier gehen die Grünen noch einen Schritt weiter: Sie fordern einen Wandel der Arbeitsmentalität in Deutschland. In ihrer Antwort an Urlaubsheld heißt es: “Uns ist wichtig, erst einmal dafür zu sorgen, dass alle die Anspruch auf Urlaub haben, diesen auch wahrnehmen können”. Demnach verzichte etwa ein Drittel der Beschäftigten auf gesetzlich zustehende Urlaubstage. Vor allem jene, die viel und körperlich schwer arbeiten und damit entsprechend mehr Erholungsbedarf hätten, schöpften ihren Urlaub überdurchschnittlich häufig nicht aus.

Die Grünen setzen sich daher für “insgesamt eine neue Arbeitskultur” ein: “Wir brauchen praxistaugliche gesetzliche Regelungen, die permanente Arbeitsverdichtung, extreme andauernde Arbeitsintensität und häufigen Stress verhindern, um so die Beschäftigten effektiv vor psychischen und körperlichen Belastungen zu schützen”, heißt es in der Antwort an Urlaubsheld.

Hier sehen die Grünen jedoch auch die Arbeitgeber in der Pflicht. Sie dürften nicht zulassen, dass Angestellte sich nicht trauen, sich krank zu melden oder Urlaub einzureichen. Das gelte auch für Minijobber, deren Ansprüche auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder während des Urlaubs derzeit häufig nicht gewährt würden.

Ver.di: Urlaubsverlierer, organisiert euch!

Und was sagen die Vertreter der ArbeitnehmerInnen? Die zweitgrößte deutsche Gewerkschaft, ver.di, spielt den Ball zunächst an die Politik zurück: Eine Verbesserung des geltenden Bundesurlaubsgesetzes sei zunächst eine politische Frage, die von den politischen Parteien beantwortet werden müsse. Die Chancen dafür schätzt ver.di jedoch gering ein: “Das Thema steht derzeit nicht gerade im Mittelpunkt von politischen Diskussionen. Insofern ist es fraglich, ob es dafür überhaupt politische Mehrheiten gibt”, heißt es in der Antwort an Urlaubsheld.

Generell hält ver.di allerdings nicht viel davon, dass sich die Politik hier “in die Tarifautonomie” einmische. Aus Sicht der Gewerkschaft ist es sinnvoller, “für gute Arbeits- und Einkommensbedingungen zu streiten, die durch entsprechende Tarifverträge festgelegt werden.” Bereits heute sei vielerorts in vielen Branchen ein Urlaubsanspruch geregelt, der das gesetzliche Mindestniveau weit übertreffe.

Doch was ist mit den vielen Menschen, die eben nicht nach Tarif arbeiten? ver.di gibt zu, dass innerhalb eines Unternehmens die Urlaubsansprüche weit auseinanderklaffen können und dass “besser bezahlte Beschäftigte u.U. auch mehr Urlaub haben”. All jenen, die sich benachteiligt fühlen, gibt ver.di den Rat, sich “zu organisieren und gemeinsam für eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen streiten”.

Na, hier könnte die Petition bei change.org ja ein Anfang sein.

Klarstellung: Wir haben auch bei den Parteien CDU/CSU, Die Linke und FDP sowie beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) eine Stellungnahme zur Anhebung des gesetzlichen Mindestanspruchs auf Urlaub angefragt, aber bis zum heutigen Tage (Stand 11.09.2017) keine Antwort erhalten.

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