autumn in boston
10.-24.10.2016

Mit dem Zug von Boston nach Seattle

Ein Flugzeug ist von Boston nach Seattle knapp sechseinhalb Stunden unterwegs. Hoch über den Wolken vergeht die Zeit in Windeseile und meist lassen sich die Passagiere währenddessen noch mit Hollywoodkitsch berieseln. Sie sehen nicht, wie sich die Landschaft unter ihnen gerade jetzt im Herbst von kunterbunten Wäldern zu braunen abgeernteten Feldern ändert. Sie können nicht in der Abenddämmerung in die kleinen beleuchteten Holzhäuser sehen, in denen die Familien lachend beim Abendbrot sitzen. Sie sehen nicht, wie weit der Himmel morgens beim Sonnenaufgang ist. Ich möchte mir das nicht entgehen lassen und nehme die zweieinhalbtägige Zugfahrt quer durch den Norden der USA in Kauf, um mit weit aufgerissenen Augen an der Zugfensterscheibe zu kleben und mich mit Mitreisenden über Gott (tatsächlich!) und die Welt zu unterhalten.

Tagebuch

Tag 1 – 11.10.2016 – #

Mit dem Fahrrad durch Boston

Ich muss zugeben, dass Städte es beim ersten Mal immer schwer mit mir haben. Ich glaube, es liegt daran, dass ich National Parks stets entspannt und mit ordentlich Zeit im Gepäck bereise. Ich gebe ihnen also keine Chance, mich zu stressen. Bei Städten ist es oft anders. Da bin ich meist nur kurz und will dann in dieser Zeit auch noch so viel wie möglich erleben. Deswegen finde ich es immer toll, in eine Stadt zurück zu kehren. Die großen Sehenswürdigkeiten sind abgehakt und ich kann die Stadt intensiver und bestimmt auch ein bisschen authentischer erleben. Als ich morgens aufwache, muss ich breit über’s ganze Gesicht grinsen, denn am Ende meines Bettes im XV Beacon, in der Wand unter dem großen Fernseher, flackert das Licht im elektronischen Kamin. Wenn es auch kein echtes sein mag, macht es das Zimmer so gemütlich, dass man es kaum verlassen mag. Aber da draußen wartet ein sonnig strahlendes Boston auf mich.

Ein friedlicher Morgen auf dem Forest Hills Friedhof

Zum Glück liegt das XV Beacon inmitten sämtlicher Attraktionen der Stadt und auch unweit von Urban AdvenTours, bei denen ich mein Fahrrad abhole. Alle Fahrräder sind erstaunlich gut in Schuss. So etwas kenne ich aus den USA kaum. Aber Boston scheint ohnehin eine Fahrradstadt zu sein. Überall gibt es Radspuren und teilweise ganze Radwege durch die Grünanlagen durch.

Ich möchte zunächst ein bisschen fahren und beginne meine Radtour mit dem am weitesten entfernten Ziel, dem Forest Hills Cemetery. Ich radle an der Columbus Avenue entlang bis kurz hinter die Heath Street, wo ich die Straße gegen einen Radweg durch den Park eintausche. Ich radle an Spielplätzen, Liegewiesen und Bolzplätzen vorbei und bleibe schließlich vor einem kleinen eingezäunten Garten stehen. Community Garden steht an der Gittertür. Ich sehe wie ein kleines Kind gerade unbeholfen mit einer Schaufel im Mutterboden buddelt. Seine Mutter heißt Alice. Ich verwickle sie in ein kurzes Gespräch, weil ich mehr über den Garten wissen möchte. Die Einwohner aus der Gegend haben die Möglichkeit, sich auf einen kleinen Garten zu bewerben. Aber die Wartezeiten sind sehr lang, erklärt Alice mir und fragt mich, woher ich denn käme. Als ich ihr erzähle, dass ich aus Deutschland bin, strahlt sie: „Ich erinnere mich noch sehr gut. Ihr habt viel größere Stadtgärten in Deutschland. Mit kleinen Häuschen!“ „Ja, das sind Datschen. Meine Freundin Susie hat auch so eine!“ „Die sind so toll“, sagt Alice, „ich nenne sie immer Elfenhäuschen!“ Ich grinse, denn das klingt auch gleich viel schöner.

Es sind nur noch ein paar Kilometer, bis ich den Stadtteil Forest Hills erreiche. Bunte Holzhäuser säumen die hügeligen Straßen. Ich radle bis ans Ende der Tower Street und gelange an ein eisernes Gitter mit einem Tor. Dahinter erstreckt sich der riesengroße Forest Hills Friedhof, der mittlerweile größer ist als 208 Football Felder zusammen. Er wurde 1848 eröffnet. Die Familien der Verstorbenen sollten in einer hübschen Umgebung ihren Liebsten gedenken. Ich kann hier an so einiges denken, denn der Friedhof ist so wunderschön, dass ich den halben Tag hier die kleinen Hügel auf und ab radeln könnte. Grüne Ranken umschlingen schon leicht verfallene Engelsfiguren. Es gibt einen See und einen Wasserfall. Gerade jetzt im Herbst strahlen die neueren Marmorskulpturen noch weißer zwischen den roten und orangen Blättern heraus. Es ist eine herrlich ruhige Stimmung in der noch wärmenden morgendlichen Herbstsonne, die auf die bunten Bäume scheint. Man hört nur Blätterrauschen und das Schlagen der Entenflügel auf dem Teich. Manchmal vielleicht noch das entfernte Läuten der Kapelle.

Fahrradfahren in Boston

Vom Friedhof aus führt mein Weg durch den Stadtteil Jamaica Plain. An der Burroughs Street biege ich links ab, um zum Jamaica Pond zu gelangen. Am Seeufer entlang radelt es sich noch schöner. Am See angekommen, sehe ich einem kleinen Jungen beim Klavierspielen zu. Das Projekt Play Me, I’m Yours wurde von dem britischen Künstler Luke Jerram ins Leben gerufen. Seit 2008 tourt das Klavier rund um die Welt und hat auch schon in London und Hongkong Station gemacht. Derzeit zaubert es den Menschen in Boston ein Lächeln ins Gesicht. 


Nur wenige Pedalentritte weiter treffe ich Erica, die sich in eine Parkbank gefaltet hat. Diese Bank sieht wirklich skurril aus und ihre Geschichte ist es nicht weniger. Im Jahre 2006 dachte sich Matthew Hincman, ein Professor am Massachusetts College of Art & Design, dass es ziemlich langweilig ist, wenn alle Parkbänke um den See herum gleich aussehen. Er designte diese U-förmige Bank und stellte sie in einer Nacht und Nebel Aktion auf. Die Stadt brauchte zunächst eine ganze Woche bis ihr auffiel, dass mit dieser Bank etwas nicht stimmte und weitere vier Tage, um zu realisieren, dass das Objekt gar nicht genehmigt wurde. Das war der Moment in dem die Stadt die Bank sofort wieder entfernte. Nach wochenlangen Diskussionen mit Matthew, willigte die Stadt jedoch ein, dass die U-Bank offiziell aufgestellt werden darf.

Zum Abschluss erzählt mir Erica noch, dass die gegenüberliegende Insel eine von Menschenhand aufgeschüttete ist. In dem Herrenhaus auf dieser Seite des Sees lebte eines Tages ein Mann mit seiner Frau, die sich genau so eine Insel wünschte. Sie bekam sie. Zum Abschied ruft mir Erica noch „Women Power“ zu und streckt ihre Faust in die Höhe.

Insidertipps für Baseball und Sneaker Fans

Ich bin kein großer Football oder Baseball Fan, aber ich finde die Stadien und das Tamtam bei einem Spiel von amerikanischen Sportarten immer faszinierend. Bostons Fenway Park ist das Heimstadion der Baseballmannschaft Red Sox. Wer in Boston ist und sich kein Ticket für ein Spiel leisten möchte, kann es sich trotzdem aus erster Reihe ansehen. Am Rand des Stadions liegt die Bleacher Bar. Hier gibt es ein paar Tische, die einen direkten Blick auf das Baseball Feld bieten. Während eines Spiels gilt: First come, first serve. Wer sich also früh genug anstellt, kann sein Geld in Drinks statt in Baseball-Karten investieren.

Oder ganz anders: in Sneaker. Denn in Boston gibt es den wohl verrücktesten Sneaker Shop der Welt. Der Bodega Shop sieht aus wie ein gewöhnlicher Späti. Ich stelle mein Rad vor dem Fenster ab, dass mit fein geordneten Flaschen, Dosen und Pappkartons verziert ist. Auch im Laden selbst gibt es nichts außer Süßigkeiten und Getränke in großen Kühlschränken; vielleicht noch die eine oder andere Kleinigkeit für den Haushalt. Aber neben der Kasse sehe ich gerade, wie die Front eines Getränkeautomaten sich wie von Zauberhand zur Seite schiebt (Fotos sind leider nicht erlaubt). Ich husche durch und befinde mich plötzlich in einem wahren Sneaker-Sweater-Wunderland.

Das gemütlichste Viertel in Boston: North End

Vom Bodega aus sind es nur wenige Minuten Radfahrt auf der Massachusetts Avenue, bis ich wieder am Ufer des Charles River bin. Überall gibt es hölzerne Pontons auf denen man sitzen und auf’s Wasser blicken kann. Sportler machen hier ihre Dehnübungen, andere lesen ein Buch in der Sonne. Ich fahre bis zur Boston North Station am Ufer entlang und verirre mich dann leicht im Straßengewirr, bis ich schließlich die Hull Street finde. Hier suche ich das niedlichste Haus der Stadt: das Skinny House. Und tatsächlich wirkt es mit seiner pastellfarbenen Holzfassade neben den großen Klinkerbauten ganz verloren.

Den Hügel der Hull Street hinunter biege ich links in die Salem Street ab, die wie eine Filmkulisse wirkt. Rote Klinkerbauten stehen hier in Reih und Glied, mit verzierten gußeisernen Laternen davor. Ich biege zunächst in die Charter Street und dann in die Hanover Street ab, um zur Battery Street zu gelangen. Hier suche ich den heiligen Gang. Den finde ich zu zunächst nicht, aber irgendwann blinkt er mir entgegen: der All Saints Way.

Der Senior Peter Baldassari hat von Kindesalter an sämtlichen heiligen Nippes gesammelt. Mittlerweile füllt seine Sammlung fast den ganzen Gang zwischen der Battery Street 4 und 8. Eine unscheinbare schwarze Holztür führt in das funkelnde Wunderland hinein. Sie ist abgeschlossen. Ich drehe am Knopf und klopfe. Leider scheint Peter nicht zu Hause zu sein. Meist gibt er interessierten Besuchern mit Freude eine kleine Tour. Aber auch von außen kann ich schon einige Jesus und Mariafiguren mit allerlei blinkendem Firlefanz drum herum sehen.

Das Skinny House und der All Saints Way liegen beide im im ältesten Viertel Bostons, dem North End. Da sich hier hauptsächlich italienische Einwanderer niedergelassen haben, wird es auch Little Italy genannt. Es gibt hunderte Restaurants und Cafés. Ich radle zum Café Vittoria, dem ältesten italienischen Café in Boston. Espresso Fans kommen hier ganz auf ihre Kosten, denn als ich das Café betrete, blenden mich die blanken Flächen dutzender vintage Espresso-Maschinen. Natürlich schmeckt der Kaffee hier blendend und zu einem Cannoli kann ich natürlich auch nicht nein sagen.

Vom Schiff direkt auf den Teller: Seafood im Yankee Lobster

Boston sollte man niemals, ohne Hummer oder Meeresfrüchte gegessen zu haben, verlassen. Um nicht in eine Touristenfalle zu tappen, steuere ich mein Rad gen Hafen. Hier liegt etwas abgelegen, an einem Kreisel kurz vor dem Industriegebiet das Seafood Restaurant Yankee Lobster. Ich betrete das kleine Restaurant und sofort fällt mir die große Auslage an Fisch und Meeresfrüchten an der Kasse auf. Hier soll man auch bestellen. Da ich wohl ziemlich ratlos aussehe, drückt mir der Kellner grinsend eine Speisekarte in die Hand und befiehlt mir, mich zu setzen und in Ruhe auszuwählen. Das ist schwieriger als es sich anhört. Ich entscheide mich für eine Combo Plate mit dem Catch of the Day, Garnelen und Jakobsmuscheln. Die Leckereien kommen frittiert mit Pommes. Ich muss mich jedes Mal wieder daran gewöhnen, dass die Amerikaner so gerne frittieren. Trotzdem schmeckt es, gerade mit der hausgemachten Remoulade, köstlich. Die Lobster Roll am Nebentisch und der Lachs mit Spinat sehen ebenfalls sehr lecker aus und die Gäste machen zudem einen sehr zufriedenen Eindruck. Der große Tisch in der Mitte des Restaurants füllt sich nach und nach und es kommt Leben in die Bude. Es scheint ein Kartenspiel-Club zu sein. Alles richtig gemacht! Gaststätten, wo auch die Einheimischen gerne hingehen, sind immer die richtigen.

Tag 2 und 3 – 12.-13-10.2016 – #

Mit dem Lake Shore Limited von Boston nach Chicago

Die erste Nacht im Zug steht mir bevor. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen. Mit dem Lake Shore Limited geht es von Boston nach Chicago. An der Bostoner South Station steige ich mittags in den Zug und muss abends in Albany kurz umsteigen, bevor wir durch die Nacht tuckern, um am nächsten Morgen in Chicago anzukommen.

„Ich glaube, wenn ich es sehe“ - Geschichten aus dem Amtrak

Im Warteraum vor den Gleisen sehe ich die ersten Amischen, von denen ich erwartet hatte, sie irgendwann auf einer meiner Zugreisen zu sehen. Die Männer tragen schwarze Hosen mit weißen oder blauen Hemden, darüber schwarze Westen und Jackets. Ein melonenartiger Hut scheint nicht fehlen zu dürfen. Ein paar Frauen tragen lange Kleider in gedeckten Farben zu weißen Häubchen auf dem Kopf. Andere tragen komplett schwarze Kleidung mit schwarzen Hauben, die an einen Hidschab erinnern.

Als ich in den Zug steige, bin ich zunächst ein bisschen verwundert. Von gemütlichen breiten Sitzen mit Fußstützen war die Rede. Die sehe ich nicht. Aber dann fällt mir ein, dass ich heute Abend in Albany noch mal umsteige. Da wird das dann hoffentlich der Fall sein.

Die Amischen sitzen im gleichen Abteil. Verstohlen beobachte ich sie. Es sieht eigenartig komisch aus, wie eine der Frauen gerade an Nutella Dip Stäbchen knabbert. Ein junges Mädchen beobachtet mich schüchtern und holt währenddessen ihr Tagebuch heraus. Ob ich darin wohl eine Rolle spielen werde, so wie sie in meinem?

Meine Erwartungen, absurde Geschichten im Zug zu erleben sind ziemlich hoch und trotzdem sage ich mir, dass ich nicht all zu viel erwarten soll, um nicht enttäuscht zu werden. Keine 23 Minuten später lege ich sämtliche Sorgen ab. Ich belausche ein Gespräch zwischen einem Ex-Marine und einem Amischen. Immer wieder fragt der laute, vielleicht ein bisschen angetüdelte, aus Puerto Rico stammende Marine den grauhaarigen, hageren sehr zurückhaltenden Amisch-Opi, ob er den Code 176 nicht kenne? Kennt er natürlich nicht und ich überlege, ob die ihn vielleicht nach einer bestimmten Bibelstelle fragen sollten.

„Ich bin Soldat, ich bin Soldat!“ wiederholt der Marine immer wieder, als müsse er sich selbst davon überzeugen. Er fragt nun den anderen, etwas jüngeren Amisch, ob er den Code kenne. 

„Nein, ich bin Farmer!“
„Achso, dann kennst du den Code nicht? Hm, bist du jüdisch?“

„Nein, ich bin Amisch!“

„Ich bin Soldat. Das ist mein Land. Ich habe für mein Land gekämpft. Ach egal, was seid ihr noch gleich?“ 

„A M I S C H!“

„Also seid ihr nicht jüdisch? Meine Frau ist jüdisch! Glaubst du an Jesus? Kennst du ihn?“ 

„Ja!“ 

„Aha, echt? Wie sieht er denn aus!“

„Da gibt es verschiedene Interpretationen.“

„Aha! Also hast du ihn gar nicht kennengelernt?“
„Nein; nicht seine Person, nur seinen Geist.“

Ich habe mittlerweile meine Tüte Chips aufgemacht und mache mich für großes Kino bereit.

„Ja, man. Ich meine, siehst du ihn persönlich? Das will ich jetzt wissen!“
„Nein, nur den heiligen Geist.“
„Ah, das mag ich nicht. Ich muss ihn sehen, um zu glauben.“

Plötzlich mischt sich die Frau vor mir ein: „Du siehst ihn jeden Tag. Du siehst ihn im Lächeln eines Kindes. Du siehst in in den Tropfen im Regen oder in den Strahlen eines schönen Sonnennaufgangs.“
Der Marine will das irgendwie nicht glauben. „Als Soldat bin ich kriminell. Wo soll ich mit meinen Händen hin, wenn ich damit soviel böses getan habe? Aber hey: danke. Danke für eure Ansichten.“
Die Frau kommt in Fahrt: „Es ist wie Dunkelheit und Licht. Dunkel gibt es nicht. Es ist einfach das Fehlen des Lichts. Das ist wie das Böse, das gibt es nicht wirklich. Es ist die Abwesenheit von Liebe.“

Zapperlott, ich fange auch gleich an zu glauben.

Der Soldat, der die Dame mittlerweile Mami nennt, will es weiterhin nicht verstehen und sagt forsch, dass er dieses Gespräch jetzt beenden muss. Er bedankt sich und stellt sich abschließend vor: „Mein Name ist Angel.“
Die Amischen haken verwundert nach: „Wie?“
Der Marine antwortet leicht genervt: „A N G E L. Schick’ Jesus her und ich glaube an ihn.“

Amen, denke ich und freue mich, dass ich einen Engel gesehen habe, während die Frau vor mir sich umsetzt, weil sie angeblich die Sonne so blendet.

In einem darauf folgenden etwas sachlicheren Gespräch mit einem Zugangestellten, echauffiert sich der Soldat darüber, dass wir erst morgen in Chicago ankommen. (Was mag er beim Buchen gedacht haben, frage ich mich?) „Da hätte ich ja besser den Heißluftballon nehmen können“ sagt der Soldat und wischt den Schaffner imaginär beiseite. Er wirkt ein bisschen aggressiv. Der Amische entschuldigt sich, falls er etwas falsches gesagt hat. Plötzlich meint der Soldat, als schwul bezeichnet worden zu sein. Ich glaube, er sieht so einiges nicht, aber hört dafür Dinge, die wir anderen nicht hören. „Dabei liebe ich Frauen“, beteuert er wirsch. Der Amische fährt sich durch den weißen Bart, winkt freundlich (das finde ich ganz schrecklich putzig) und sagt: „Lass uns Freunde bleiben.“

Kurz darauf setzt sich der ältere, hagere Herr zu mit und stellt sich als Joe vor. Innerlich balle ich die Faust vor Freude, weil ich so gerne mehr über die Amischen erfahren möchte. Joe und ich smalltalken vor uns hin, bis ich ihm auf die „Wo kommst du her?“-Frage mit „Deutschland“ antworte. Seine Augen weiten sich vor Begeisterung, haben die Amischen doch auch deutsches Blut in sich. Er möchte wissen, ob ich ihre Sprache verstehe. Und tatsächlich verstehe ich ein paar Wörter ihres Pennsylvaniadeutsch. Er klingt wie schweizerisch, holländisch und deutsch, zusammen gemischt mit ein paar englischen Wörtern.

In Albany ziehe ich schließlich einen der großen amischen Koffer die Rolltreppe mit hoch. Die sind aber auch schwer bepackt. Als wir in den neuen Zug einsteigen, sehe ich zu meiner Erleichterung Fußstützen an den Sitzen. Einer halbwegs horizontalen Nachtruhe steht also nichts im Weg. Allerdings werden uns Plätze zugewiesen und ich bekomme einen Gangplatz neben einem jungen Herren. Mist, ich hatte gehofft, mich ausbreiten zu können.

Kurz nach unserer Abfahrt findet Joe mich wieder. Er fragt, ob wir uns nicht zum Schnacken ein wenig weiter hinten im Abteil hinsetzen wollen? Ich freue mich schon auf neue Geschichten und folge Joe. Er möchte gerne deutsch mit mir sprechen. Sein Vokabular ist sehr gut. Er habe das Neue Testament dabei, ob ich es sehen wolle. Kaum eine Antwort abwartend, greift Joe in das Gepäckfach und holt das sehr alte heilige Buch heraus. Es ist tatsächlich auf deutsch. Ob ich ihm daraus vorlesen würde? Aber natürlich! Ich holpere ein bisschen durch die Sätze, weil die altdeutsche Schrift teilweise schwer zu entziffern ist. Er möchte mit mir über den Inhalt philosophieren und erschrickt als ich zugebe, nicht sehr regelmäßig in die Kirche zu gehen. Gar nicht möchte ich nicht zugeben, das würde in seinen Augen sicher an Blasphemie grenzen. Joe lacht den Fauxpas einfach weg und holt seine Kopie der christlichen Tugenden hervor. Die Kopie ist von Hand geschrieben und ebenfalls auf deutsch. 22 Tugenden die mich wahrscheinlich zu einem besseren Menschen machen, wenn ich mich daran halte. Die Übersetzung hakt an manchen Stellen ein bisschen. Besonders Nr. 11 gefällt mir: „Lauter in der Liebe“ steht dort. Ich erspare mir, Joe zu erklären, was es noch bedeuten kann.

Wir reden über meine weitere Reiseroute, und dass ich tatsächlich auch durch ihren Wohnort in Illinois komme, wenn ich von New Orleans zurück nach Chicago fahre. Joe zögert keine Sekunde und lädt mich zu ihnen nach Hause ein. Mein Herz macht einen Sprung, denn eine Einladung zu den Amischen ist etwas, wovon ich seit Beginn der Reiseplanungen geträumt habe. Ich sage Joe, dass mich die Einladung sehr freut und ich ihm - ja, was eigentlich? Eine Email schreiben kann ich ihm nicht, Amische besitzen keine modernen Kommunikationsmittel. Eine Postkarte? Nein! Joe erklärt, dass sie ein Telefon haben. Und so tauschen Joe und ich Nummern, bevor wir Gute Nacht sagen.

Zack, die Bohne und schon geht es weiter

In Chicago angekommen, eile ich sofort zu den Schließfächern. Die paar Stunden Sonne, und vor allem frische Luft, will ich voll auskosten. Ich bin sogar recht ausgeschlafen, trotz „Schlafnachbarn“, aber das liegt vermutlich an den Wick Medi Night extra strong Pillen, die ich gerade wegen meiner Erkältung nehme.

Von der Chicago Union Station aus laufe ich durch den Wolkenkratzer-Dschungel zum Cloud Gate oder anders: zur Bohne. Die von dem britischen Künstler Anish Kapoor aus 168 Edelstahlplatten zusammengeschweißte Skulptur steht seit 2006 auf dem AT&T Platz des Millenium Parks. Auf Hochglanz poliert ist sie eines der beliebtesten Fotomotive der Touristen und auch ich lasse mich zu dem einen oder anderen Selfie hinreißen.

Unweit von der Bohne ist die Revival Food Hall. Wer hätte es gedacht, aber gerade zur Mittagszeit ist hier die Hölle los. Ich stehe in der Schlange vor Smoque BBQ. So auch 57 weitere Menschen vor mir, wenn ich mich nicht verzählt habe. Das Anstehen lohnt sich, denn das Brisket ist einfach nur lecker und erspart mir das Abendessen im Zug. Ich kaufe mir noch schnell einen Salat im Supermarkt und das muss dann für heute Abend und die Weiterreise nach Montana reichen.

... Fortsetzung folgt

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