Hokkaido – Japan mal ganz anders

Hokkaido – Japan mal ganz anders

Wenn ihr an Japan denkt, geht es wahrscheinlich ums schillernde Tokyo, das historische Kyoto und die Kriegsgeschichte Hiroshimas, stimmt’s? Dabei könnt ihr in Japan auch auf Safari gehen. Zwar nicht, um die Big Five zu sichten, dafür aber Braunbären, Wale und die größte Eule der Welt. Wo? Ganz oben im Norden, in den Nationalparks im Osten Hokkaidos. Das Sahnehäubchen: Nach den Abenteuern in der Wildnis lässt sich in heißen Quellen, Onsen, entspannen und dann ganz lecker essen.

Reisebericht

Da will ich auch hin!

Reiseauftakt am Meer

Die meisten meiner Reisen beginnen am Meer. Dieses Mal in Abashiri an der Ostküste Hokkaidos, von wo einer von fünf Zügen pro Tag nach Kawayu Onsen fährt, mein Ziel für die nächsten drei Tage. Das Dorf der heißen Quellen liegt mitten im Akan-Nationalpark – dem zweitältesten und mit über 900.000 Quadratmetern auch zweitgrößten Nationalpark Hokkaidos. Der einzelne Waggon ist überhitzt, die Sitze haben schon sichtbar viele Hintern gespürt. Größer könnte der Unterschied zu den eleganten Shinkansen, den High-Speed-Zügen aus dem Süden, nicht sein. Dafür hat der Waggon einen schicken Lokführer mit Lokführermütze, Anzug und weißen Handschuhen. Schon tuckert der Wagen los, die Küste von Okhotsk entlang, nach der ersten russischen Siedlung Okhotsk im Fernen Osten benannt.

Der kleine Bahnhof von Kawayu Onsen mit seinem roten Dach scheint einer lange vergessenen Zeit zu entstammen, eine große Bärenfigur empfängt die wenigen Ankömmlinge. Und die Statue verspricht nicht zu viel.

Mit Bären auf Wanderung

Angeblich soll der Mashu-See, einer der drei Caldera-Seen im Akan-Nationalpark, einer der klarsten der Welt sein. 1931 wartete er mit einer Wassertransparenz von 40 Metern auf, heute sind es noch 20 Meter. Leider reicht die Sicht vom ersten Observatorium an diesem Tag so weit wie in einem Dampfbad. Trotzdem mache ich mich auf den Weg, Mount Mashu zu erklimmen. Dass es hier unheimlich viele Bären geben soll, die auch – faul wie sie sind – manchmal die Wege entlangspazieren, weiß ich und habe deshalb in einem Souvenirladen eine Bärenglocke erworben, welche die Tiere vor meinem Herannahen warnen soll. „Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn sich ein Bär überrumpelt fühlt“, habe ich gehört. Wie soll man sich überhaupt verhalten, wenn man einen Bären sieht? Ich habe das gegoogelt und herausgefunden, dass man stehen bleiben und ruhig mit ihm reden solle, möglichst dabei mit den Armen wedeln, damit einen der Bär als Mensch identifiziere. Jedoch nur, solange man sich weit genug entfernt befinde, denn vor dem Bärengesicht herumzuwedeln, könnte auch nach hinten losgehen. Ganz wichtig: Niemals einem Bären den Rücken zeigen, sondern sich lieber rückwärts allmählich entfernen, ohne zu rennen. Der Bär wäre allemal schneller.

Mit diesen Gedanken geht’s los, an wildem Gestrüpp vorbei, und siehe da: Nach gut 300 Metern eröffnet sich unter dem grauen Schleier ein winziger Blick auf ein düsteres Gewässer. Endlich! Das Ufer des Mashu-Sees ist unerreichbar – er soll geschützt werden, denn zur Verschmutzung trägt allein die Luft schon genug bei. Besonders vor Kurven läute ich laut die Bärenglocke, wie ein Auto, das vor einer Kurve den Gegenverkehr durch Hupen warnt.

Richtig steil wird es erst auf den letzten 300 Metern. Ich kraxele glitschige Steine hoch, über Baumwurzeln und umgefallene Bäume. Auf diesem Abschnitt sollen auch die meisten Bären gesichtet worden sein. Immer wieder glaube ich, in der grauen Suppe um mich herum einen dicken braunen Leib zu erspähen, aber es ist nur meine Fantasie. Wahrscheinlich. Plötzlich stehe ich oben. Auf 857 Metern, die ein einsamer Pfahl im Nebel ankündigt. Dann, gerade, als ich den Abstieg beginne, das Wunder: Der Wolkenschleier reißt auf, ein Stück See zeigt sich.

Von rauchenden Bergen und heißen Quellen

Kawayu Onsen ist ein strategisch günstiger Ort, um zu übernachten. Er liegt genau zwischen den beiden magischen Seen Mashu und Kussharo und damit zentral im Nationalpark. Und er hält eine Überraschung bereit. Wenn man zwischen den Bäumen plötzlich Rauch erspäht, braucht man die Feuerwehr nicht zu rufen. Ein ständiger Geruch nach faulen Eiern ist auch normal. Denn wenige Kilometer vor Kawayu Onsen gibt es einen Berg, der immer dampft. Es ist der aktive Vulkan Io, Ursprung der Schwefelquellen der Gegend, mit dem letzten Ausbruch vor 600 Jahren. Während sich die umliegenden Berge grün vom Horizont abheben, wirkt dieser wie abrasiert.

Am Kussharo-See ganz in der Nähe kann man sich sogar seine eigene heiße Quelle buddeln. In Sunayu, einem bei japanischen Touristen besonders beliebten Ziel. Dort heben Kinder und Erwachsene zum Teil knietiefe Löcher aus, in denen anschließend ganz oder nur mit den Füßen gebadet wird. Dabei soll der Kussharo-See der größte Kratersee Japans sein.

Wer einen vorgefertigten Onsen bevorzugt, findet ihn in und um Kawayu Onsen in jedem Hotel. Duschen auf den Zimmern gibt es nicht, auch nicht auf dem Gang. Geduscht wird im Onsen, im Sitzen auf kleinen Schemeln vor niedrigen Spiegeln. Natürlich läuft das Ganze splitternackt ab – deswegen sind mittlerweile fast alle Onsen nach Geschlechtern getrennt. Ganz wichtig: sich ordentlich waschen, bevor man in das etwa 40 Grad oder mehr heiße Wasser steigt. Am schönsten ist der Open-Air-Onsen im Garten meiner Unterkunft, wo man beim Baden die Sonnenstrahlen aufsaugen kann. Ich liebe die Japaner für diese Erfindung, die ihnen dank der vielen Vulkane leichtgefallen sein muss. Das Onsen-Wasser hat nämlich aus vulkanischer Quelle zu stammen und darf höchstens etwas aufgewärmt werden.

Wunschlos glücklich

Als ich am nächsten Abend bei Sonnenuntergang auf der Shiretoko-Halbinsel ankomme, spüre ich, dass es mir hier, zwischen dem Meer und dem UNESCO-Welterbe Shiretoko-Nationalpark, gefallen wird. Der kleine Ort Utoro mit einigen Unterkünften liegt an der Westküste, unweit der Oshin-koshin-Wasserfälle, die mit 80 Metern die höchsten in Shiretoko sind und zu den 100 besten in Japan zählen. Shiretoko bedeutet in der Sprache der Eingeborenen Ainu „Wo das Land endet“, und genauso fühlt es sich hier an.

Zum Essen gibt es im Ainu-Gasthaus echte Ainu-Küche. Ainu, das sind die Ureinwohner Nordjapans, Jäger und Sammler, deren Spuren bis ins Jahr 18.000 vor Christus zurückführen. Heutzutage soll es noch an die 27.000 Ainu in Japan geben, etwa 23.000 davon auf Hokkaido, die sich überwiegend mit Japanern vermischt und deren Traditionen und Lebensstil übernommen haben. Fast kommt es mir vor, als würde ich mutwillig ein Kunstwerk zerstören, als ich zu essen beginne. Es gibt Hummer, Lachs, Krabben, gesalzenen Tintenfisch, grüne Paprika mit Sasami, dazu eine bräunliche Mischung aus Kürbis, Mais, Bohnen, Beeren und Walnuss, genannt Ratashekeppu, sowie frittierte Lachssamen. Was sich zunächst wie ein Alptraum anhört, zergeht auf der Zunge wie Butter.

Dann ist es Zeit für eine Nachtsafari. Mittlerweile soll es an die 10.000 Braunbären auf Hokkaido geben sowie 500.000 Rehe und Hirsche. Dabei ist die Shiretoko-Halbinsel mit etwa 200 Braunbären einer der am dichtesten besiedelten Bärenlebensräume der Welt. Wir bekommen jeder eine überdimensionale Taschenlampe und ein Fernglas, dann geht es mit einem Ranger im Wagen raus in den Wald. Bald funkelt uns ein Augenpaar entgegen. Leider nicht von einem Bären, nur von einem Hirsch. Nach einem Braunbären, der Blakiston’s Fish owl – der größten Eule der Welt mit einer Flügelspanne von 1,80 Metern, von denen es nur 120 in Japan gibt – sowie fliegenden Eichhörnchen halten wir umsonst Ausschau, doch ein lustiger Fuchs lässt sich noch blicken.

Am Ende steigen wir unter Milliarden von Sternen aus, der Ranger zeigt uns verschiedene Himmelsbilder. Ich bin zu beschäftigt damit, den Sternschnuppen mit dem Blick zu folgen. Nur eins ist schwierig: in diesem Moment noch offene Wünsche zu haben.

Probier’s mal mit Gemütlichkeit

Bären kenne ich bisher nur aus dem Zoo, in den ich seit der Kindheit nicht mehr gehe. Umso aufgeregter bin ich, als es im Boot von Utoro die Küste entlanggeht – vorbei an von Bären besonders häufig frequentierten Stränden. Plötzlich schlurft in weiter Ferne etwas großes Braunes den Strand hinunter. Vollkommen ungestört spaziert das mächtige Tier, das an die 300 Kilo wiegen soll, das steinige Ufer entlang bis zu einem ins Meer mündenden Fluss. Hier stürzt sich der Bär ins Wasser, tollt herum, als wäre er ein Kind im Planschbecken, um anschließend mit einem dicken Fisch im Maul wieder aufzutauchen. Ich glaube, auch auf die Entfernung seine Freude und Zufriedenheit zu spüren.

Danach geht es mit Natur-Guide Miki in den Wald auf den Spuren der Bären. Noch nie habe ich Kratzspuren von Bärenkrallen an einem Baum gesehen – und sie lassen mich erleichtert aufatmen, dass ich bei meiner Solo-Wanderung die Bärenglocke dabei hatte. Auch eine eingestürzte Bärenhöhle, in der in optimal architektonischem Zustand vier erwachsene Menschen Platz finden könnten, sehe ich zum ersten Mal. Laut Miki stellen die Bären, die an sich gern Eicheln und Zikadenlarven verspeisen, gerade ihren Speiseplan um, da ihnen das Rotwild zu viel wegfuttert. Daher zögen viele Bären immer mehr an die Flüsse, um Lachs und andere Fische zu fangen.

Bootstour mit Delfinen und Walen

Über den Shiretoko-Pass auf 738 Metern erreicht man von der Westseite aus die Ostseite der Halbinsel bei Rausu am Pazifik. Während einer zweistündigen Bootsfahrt von Rausu springen Delfine neben dem Boot her. Anhalten ginge nicht, dann würden sie sofort abtauchen, erklärt der Kapitän. Sie können Geschwindigkeiten von 50 Kilometern pro Stunde erreichen. Als sich auch noch der erste Pottwal direkt hinter der russischen Grenze zeigt, kommt trotz Regen Stimmung auf. Immer wieder grüßt der Wal mit seinem Blas, zeigt seinen glatten Rücken mit der leicht abgerundeten Flosse. Auf dem Boot wird mittlerweile ein Fund herumgereicht – ein Wal-Zahn, der etwa ein Kilo wiegt.

Vor der weiter südlich gelegenen größten Sandbank Hokkaidos auf der Notsuke-Halbinsel treiben Robben gemütlich auf dem Wasser und machen die Mandschurenkraniche Halt, schwarz-weiße Vögel mit einem roten Fleck auf der Stirn, die für ihre Tanzvorlieben bekannt sind.

Zwischen Adlern, Kranichen und Seeottern

Die Vielfalt an Hokkaidos Tierwelt fasziniert bis zum letzten Moment. Am Kiritappu-Feuchtgebiet warten Adler, die friedlich neben Kranichen sitzen. Dieses Jahr hätten immerhin zwei junge Mandschurenkraniche überlebt, erzählt der Guide dort, was sehr ungewöhnlich sei. „Von diesen Kranichen gibt es nur 3000, wovon 1500 in Japan leben, die andere Hälfte auf Russland und China verteilt. Aber nur die Japaner füttern sie im Winter, wodurch sie sich bei uns leicht vermehrt haben.“

Unweit des Feuchtgebiets befindet sich das Cape Kiritappu mit dem kleinen Tofutsu-Leuchtturm, in dessen Nähe ein Seeotter in aller Seelenruhe auf dem Ozean treibt. Er rollt sich im Wasser wie ich, wenn ich das erste Meeresbad des Jahres genieße und vor Freude ganz außer mir bin. Die Wellen klatschen sanft gegen die hohen Klippen, auf denen wir stehen. Unvorstellbar, dass hier bei einem Tsunami bis zu zehn Meter hohe Wellen wüten können.

Essen im Schlafanzug

Was bei uns ein Unding wäre – in einer Unterkunft im Schlafanzug zum Abendessen zu erscheinen – ist in Japan ganz normal. Auf jedem Zimmer befindet sich ein „Yukata“, eine Art einfacher, leichter Baumwoll-Kimono, den man auf dem Weg in den Onsen, aber auch zum Essen tragen kann und in dem einige Japaner sogar schlafen. Und so genieße ich im Yukata ein Festmahl. Es gibt viel von dem, was die japanische Küche hergibt, von Miso-Suppe über Sushi bis Shabu-Shabu, einen japanischen Feuertopf. Ich habe noch nie davon gehört und lege die Schinkenstücke und das rohe Gemüse zunächst auf den Holzdeckel über der Flamme – eine Art Raclette japanischer Stil. Bis die Bedienung entsetzt zu mir kommt, den Holzdeckel abnimmt und ich die kochende Brühe darunter sehe, in die man alle Zutaten werfen soll. Nun gut, nachdem ich zumindest immer daran gedacht habe, die Hausschuhe vor der Toilette für spezielle Toilettenlatschen einzutauschen, darf ich mir zumindest diesen Fauxpas erlauben. Ich lächele in mich hinein und genieße die Varietät vor mir, die so groß ist wie die wunderschöne Natur mit ihren wilden Tieren in diesem Teil Hokkaidos.

Unterkunft

Es ist leicht, in der Nähe oder direkt in den Nationalparks eine Unterkunft zu finden – oftmals schon relativ günstig. Allerdings bekommt man oft ein typisch japanisches Zimmer mit Tatamiboden und einer Matratze oder Futon auf dem Boden, einer Gemeinschaftstoilette und der Dusche im Gemeinschafts-Onsen – bei den heißen Quellen, von denen fast jedes Hotel eine hat. Diese sind nach Geschlechtern getrennt.

Verkehrsmittel

Leider sind die öffentlichen Verkehrsmittel in den Nationalparks noch immer sehr begrenzt. Mit ein wenig Organisation vorab kommt man rum, einfacher ist es jedoch mit einem Mietwagen.

Essen und Trinken

Es ist schwer, in Hokkaido schlecht zu essen. Das einzige Problem: Die Speisen sind oft so wunderschön und kunstvoll zubereitet, dass man sie gar nicht anrühren möchte.

Sonstiges

Hokkaido ist wie der Rest Japans sehr sicher. Problematisch kann lediglich die Sprache sein, da wenige Japaner gut Englisch können oder sich einfach zieren, es zu sprechen. Mit Freundlichkeit, Händen und Füßen kommt man jedoch meistens zum Ziel.

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