Sieben Dinge, die an Mexiko nerven - oder: Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Sieben Dinge, die an Mexiko nerven - oder: Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Sonne, Palmen, Tequila und Fiestas – in Mexiko genießen Touristen, Studenten und Expats die Sonnenseiten des Lebens. Doch wo Licht ist, ist bekanntermaßen auch Schatten: Cucarachas, Machos und nicht funktionierende Dinge des täglichen Gebrauchs gehören für mich dazu. Ein Reisebericht der anderen Art.

Reisebericht

Da will ich auch hin!

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Warum eigentlich muss jeder Reisebericht positiv ausfallen? Wie überall auf der Welt gibt es auch in meinem geliebten Mexiko Dinge, die nerven. Dinge, die einen an guten Tagen zum Schmunzeln bringen, an schlechten an den Rande des Nervenzusammenbruchs – und zeigen, wie verschieden unsere Kulturen doch sind. Hier die Top Seven der Dinge, die nerven.

Stromausfall, Wasserengpass und Wechselduschen

Rund um die Uhr verfügbare Strom- und Internetanbindung, Wasserversorgung sowie einwandfrei funktionierende sanitäre Anlagen sind – je nach Aufenthaltsort – keine Selbstverständlichkeit in Mexiko. Flexibilität und Einfallsreichtum werden dadurch gefördert: Texte schreibe ich frei Hand ohne Zuhilfenahme des Internets, romantische TV- und internetfreie Abende im Kerzenlicht nehmen zu. Ein Tag ohne duschen geht auch mal und eine kalte Dusche kann ach so erfrischend sein! Überhaupt scheinen Mexikos Duschen ein Eigenleben zu führen: Oftmals tröpfelt abwechselnd mal warmes, mal kaltes Wasser aus größtenteils verstopften Duschköpfen, was zu unfreiwilligen, unergiebigen Wechselduschen führt. Bei gähnender Leere im WC-Spülkasten kann man sich den Toilettengang auch mal verkneifen oder im Notfall im Bekanntenkreis herumfragen, wer gerade funktionierende sanitäre Anlagen hat. Man bekommt wieder Demut vor den als so selbstverständlich erachteten Dingen.

Geräuschkulisse

Mexikaner lieben Lärm, Musik und laute Geräusche aller Art. Gestern Nacht um 1 Uhr kam mein Nachbar auf die Idee, die umliegenden Häuser mit Banda-Musik zu beschallen – Volume auf Anschlag. Glücklicherweise bin ich relativ lärmresistent und fiel in einen von dröhnenden Paukenschlägen begleiteten Schlaf. Der jedoch morgens um 6 Uhr jäh unterbrochen wurde von einem Raketeneinschlag, schlaftrunken wähnte ich mich in einem Kriegsgebiet. Aber: Tatsächlich geweckt hat mich eine Salve aus Feuerwerkskörpern zu Ehren eines Schutzheiligen des Dorfviertels, direkt vor meinem Haus. So lärmresistent bin ich dann doch wieder nicht! Seit zwei Tagen laufen die Feierlichkeiten, zu denen die für Tepoztlán typischen ohrenbetäubend lauten „Cohetes“ gehören – es scheint, die Böller lassen gar die Alarmanlagen der Autos losgehen und die Hunde bringen sie zum Heulen. Zwischendurch dudelt die fröhlich-ausgelassene Musik eines Trauerumzugs durch die Gassen, über Megaphone auf Autos wird lauthals Werbung für Putzmittel gemacht und ein bellender Hund bringt sämtliche Straßenhunde Tepoztláns ebenso zum Bellen. Bei all dem Lärm muss natürlich die Musik in den Häusern umso lauter aufgedreht werden! Auf Tepoztláns Markt beim Mittagessen dauert es garantiert nicht lange, bis ein Gitarrenspieler mir seine Folklore in den Nacken oder ein pubertierender Junge seinen Rhyme direkt ins Ohr rappt.

Überambitionierte Kellner

Zum Thema Nicht-in-Ruhe-essen-können gehört defintiv auch die Gattung der überambitionierten Kellner. Im Fünf-Minuten-Takt kommen diese hochmotivierten Leute angetänzelt und fragen „Todo bien?“ und ich antworte, den Mund voller Essen: „Ja, alles gut – noch immer!“ Dazwischen wird auf und um den Tisch herumgewischt, an meinen Füßen gekehrt, die Vase von rechts nach links verschoben, die Salsa-Schüsselchen willkürlich in Reih und Glied gebracht. Und dann wieder: „Todo bien?“ und ich nicke nur noch genervt. Ein zusammenhängendes Gespräch mit dem Essenspartner ist bisweilen nicht oder nur sehr unzufriedenstellend möglich. Kommt doch mal ein Gespräch zustande, lieben es mexikanische Kellner, beobachtend und mit gespitzten Ohren daneben zu stehen und ungefragt auch mal einen Kommentar ins Gespräch einfließen zu lassen. Will man aber zahlen und die Rechnung bestellen, ist niemand zur Stelle. Gefühlte Ewigkeiten vergehen, bis einem die Aufmerksamkeit zuteil wird und man zahlen „darf“. Warum? Ich weiß es nicht!

Insekten, Spinnen und Skorpione

Cucarachas, Moskitos, Skorpione, Riesenspinnen und Singzikaden – die Liste der unfreiwilligen Haus- und Gartentiere ist lang. Insektizide kommen nur bedingt gegen sie an, also ist geraten, im ersten Schritt sämtliche Ängste und Ekelgefühle abzulegen – Arachnophobie adieu, Konfrontationstherapie ist angesagt! Auch wenn sie recht gefährlich aussehen, die meisten Spinnen hier (außer die Schwarze Witwe, deren Bekanntschaft ich hier aber noch nicht gemacht habe) machen nichts und so koexistieren sie mit mir in meinem Zimmer. Meinen Lieblingsspinnen habe ich sogar Namen gegeben. Auch die Cucarachas sind harmlos. Trotzdem ist es nicht gerade der Hit, in eine Chips-Tüte zu greifen, in der es sich schon eine Cucaracha gemütlich gemacht hat, oder versehentlich auf eine Cucaracha zu treten – dieses Nussknackergeräusch und dieses flüssige Etwas, das da aus dieser Cucaracha schoss, bleibt unvergesslich! Mit einem Skorpionbiss ist nicht zu spaßen, er kann tödlich enden. Also habe ich mir angewöhnt, stets einen Blick in meine Schuhe und Kleidung zu werfen, bevor ich sie anziehe.

Moskitos sind nervig, unzählige Male habe ich mir beim Einschlafversuch selbst Ohrfeigen verpasst, in der Hoffnung, die Plagen zu erwischen. Bis ich ein wirksames Spray gefunden habe – Zitrusaromen und Lavendel mögen Moskitos gar nicht, auch ein Moskitonetz sowie ein Ventilator schaffen Abhilfe. Singzikaden versammeln sich im mexikanischen Frühling auf allen Bäumen Tepoztláns und „singen“, was das Zeug hält. Je heißer die Temperaturen, desto mehr drehen die Sangeskünstler auf, um die Weibchen anzulocken – ein schrilles, pfeifendes, wirklich ohrenbetäubendes Surren im oberen Frequenzbereich liegt über Tepoztlán – ich würde davonrennen, wären die „Cigarras“ nicht überall.

Machismo

Es ist kein Klischee: Die mexikanischen Männer sind Machos - wenige Ausnahmen bestätigen die Regel. Gerade Ausländerinnen werden bezirzt und umgarnt, jeder Mexikaner möchte gerne eine „Güera“ (Helle) sein eigen nennen und als Trophäe mit sich herumtragen. An jeder Straßenecke ertönt ein „Güera“ oder der Diminutiv „Güerita“ – mal zärtlich gesummt, mal mit stolzgeschwellter Brust laut artikuliert. Der mexikanische Macho neigt zum „Besitzenwollen“ und zum Überprotektionismus. Da muss man sich als selbstständige Europäerin hin und wieder das Recht erkämpfen, alleine über die Straße zu gehen, betonend, dass man das in der Tat kann. Dann ist er kurz eingeschnappt – bis zum nächsten Versuch. Die mexikanischen Männer sind teils sehr penetrant, ein „Nein“ scheint sie erst recht anzustacheln. Auf wiederholte Absagen auf Einladungen folgen weitere Einladungen, auch unbeantwortete WhatsApps sind noch lange kein Grund, nicht weiter täglich Nachrichten zu schicken – ich habe gelernt, meine Telefonnummer nur noch im Ausnahmefall herauszugeben.

Leidenschaftlich und eifersüchtig ist der mexikanische Macho, dem Fremdgehen selbst aber nicht abgeneigt. Bei all dem Macho-Gehabe weiß er aber im Normalfall, wo die Grenze liegt. Noch nie wurde ich unsittlich berührt und ich fühle mich durchaus sicher unter mexikanischen Männern. Und einige Facetten des Machismo gefallen mir sogar. Frauen werden die Türen aufgehalten, Männer laufen auf dem Bürgersteig auf der Seite zur Straße hin, Frauen auf der Seite zur Wand – frau fühlt sich dadurch durchaus respektiert, gut behandelt und beschützt.

Ein Leuchtturm sein

Das Gefühl, für etwas Besonderes gehalten zu werden, ist manchmal schön. Manchmal kann es aber auch nerven, ständig Aufmerksamkeit zu erregen, nur weil man „hell“ ist. Man fühlt sich so als Leuchtturm! Hupkonzerte, verwundert-penetrant starrende Kinderaugen sowie laute „Güera“-Rufe sind das eine, Straßenverkäufer, die es auf den vermeintlichen Dollarsegen der Ausländer abgesehen haben, das andere. Immer als reich gehalten zu werden, nur weil man helle Haut hat, ist zwar verständlich, kann aber nerven, gerade wenn man selbst knapp bei Kasse ist. Dann werde ich nicht müde, zu erklären, dass ich keine Dollars in der Tasche habe, auch keine Euros und nur sehr wenige Pesos. Auch ständig für eine US-Amerikanerin gehalten und auf Englisch angesprochen zu werden, geht auf den Geist. Schön dafür ist die Freude und plötzliche Offenheit der Mexikaner, wenn man auf Spanisch erklärt, warum man lieber Spanisch redet und aus Deutschland kommt.

Um-den-heißen-Brei-herumreden

Deutsche sind direkt. Und das ist gut so, finde ich. Denn das Spiel mit den versteckten Botschaften und des Um-den-heißen-Brei-Herumredens ist anstrengend und führt oft zu einem endlosen Eiertanz mit vielen Missverständnissen. Der Mexikaner empfindet Direktheit als unhöflich, der Deutsche weiß die versteckten Botschaften oft nicht korrekt zu interpretieren. Der Deutsche nimmt Wörter wortwörtlich, der Mexikaner ist kreativer. Dass beim Mexikaner mañana tatsächlich „morgen“, aber auch „übermorgen“, „in zwei Wochen“ oder „nie“ bedeuten kann, ist allgemein bekannt. Manchmal nervt es, sich nie wirklich auf eine Aussage verlassen zu können, es verleiht einem ein gewisses Gefühl der Unsicherheit. Dennoch mache ich meist die Erfahrung, dass Mexikaner zu ihrem Wort stehen, man muss sie nur daran erinnern - ein Mal, zwei Mal oder auch zwanzig Mal.

Gegenmittel zum Kulturschock? Gelassenheit und Humor!

Über zehn Dinge, die nerven, wollte ich schreiben. Sieben sind mir eingefallen. Mit etwas – oder besser viel – Humor, Flexibilität und Geduld übersteht man alle nervigen Situationen in Mexiko mit Bravour. Ganz sicher werde ich diese kleinen Dinge, die mich manchmal an den Rande des Wahnsinns treiben, in Deutschland vermissen. Mexiko muss man nicht verstehen, Mexiko muss man leben, fühlen – und für all seine schönen und nervigen Dinge liebe ich dieses wunderbar chaotisch-verrückt-lebensfrohe Land!

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