Xitomatl und Xocolatl: Der Geschmack Amerikas

Xitomatl und Xocolatl: Der Geschmack Amerikas

Avocado, Mais, Tomate: Vieles was heute als veganes Superfood bei ernährungsbewussten Trendessern auf dem Tisch landet, ist eigentlich uralt. Der Ursprung liegt weit weg vom heimischen Bio-Markt: im heutigen Süd- und Mittelamerika. Dort wussten die Azteken und Maya schon vor Tausenden Jahren, was gut ist und schmeckt.

Food

Nicht nur die Wörter „Tomate“ (xitomatl) und „Schokolade“ (xocolatl) kommen ursprünglich aus der aztekischen Náhuatl-Sprache, nein: Auch vieles, was wir so selbstverständlich tagtäglich verzehren, stammt aus dem mittel- und südamerikanischen Raum.

Kaum vorstellbar, dass unsere Vorfahren ohne Schokolade, Tomaten, Kartoffeln, Vanille, Chia, Avocados oder Mais auskommen mussten – während gleichzeitig, auf einem bis dahin unbekannten Kontinent am anderen Ende der Welt, Hochkulturen wie die Inka, Maya und Azteken genau diese Lebensmittel kultivierten und aßen. Erst Kolumbus brachte diese Kulturpflanzen in die Alte Welt, wo sie meist langsam ihren Siegeszug durch die Küchen Europas feierten.

Die Tomate: Ihr Weg auf die Pizzas und Pastas der Welt

Xitomatl – Das heißt „Nabel des dicken Wassers“ und ist die aztekische Bezeichnung für die Tomate. Bereits ab 200 v. Chr. bauten die Azteken im heutigen Mexiko, die Maya in Mittelamerika, und die Inkas in den Anden Tomaten an. Neun Wildarten wuchsen in Südamerika schon vorher. Die Tomate galt als kostbar – ihr Preis lag bei einer Kakaobohne, dem damaligen Zahlungsmittel. Kolumbus brachte die Tomate im Jahr 1498 nach Spanien und Portugal. Damals war sie übrigens noch gelb. Zunächst waren die Europäer dem süßen Tomatengeschmack überhaupt nicht verfallen, im Gegenteil: Sie hielten die Tomate für giftig. Eingesetzt wurde sie nur als Zierpflanze, als Aphrodisiakum und medizinisch gegen Schwellungen, Tollwut, Albträume und „Liebeszauber“.

Ihren scheinbar magischen Zauberkünsten hat die Tomate ihre vielfältigen Namen wie „Tollapfel“, „Liebesapfel“ oder „Paradiesapfel“ zu verdanken. Nur einige mutige Italiener trauten sich damals, sie zu essen. Erst um 1900 setzte sich in Deutschland die Tomate als Lebensmittel durch. Heute hat so gut wie jeder die rote Frucht mindestens ein Mal die Woche auf dem Speiseplan stehen. Auch von den Pizzas und Pastas der italienischen Küche ist sie nicht mehr wegzudenken. Deutsche aus den neuen Bundesländern mussten sich an die Tomaten erst wieder gewöhnen, denn in der DDR waren sie ein seltenes Gut. Circa 3000 Tomatensorten werden heute weltweit angebaut, rund um den Erdball erfreuen sie sich großer Beliebtheit – der Sorte „Bradley“ ist sogar ein Festival gewidmet!

Die Schokolade: Der Weg der Kakaobohne nach Europa

Xocolatl ­– Die Azteken nannten das erste kakaohaltige Getränk „bitteres Wasser“. Schokolade bedeutet also eigentlich Kakaogetränk. Mit ihren Zutaten Kakao, Wasser, Chilli und Vanille war die aztekische Flüssigschokolade ein wahres Powergetränk und Männern des aztekischen Adels vorbehalten. Für Frauen und Kinder war es aufgrund seiner berauschenden Wirkung nach Ansicht der Azteken nicht geeignet. Azteken wie Maya tranken Xocolatl vor allem bei Festen zu Ehren der Götter – es heißt, auch die zur Opferung vorgesehenen Personen durften einen letzten Schluck des „braunen Goldes“ genießen. Kakao wurde erstmals um 1500 v. Chr. von den Olmeken im Tiefland der mexikanischen Golfküste genutzt. Um 600 n. Chr. fingen die Maya mit dem Anbau von Kakaobohnen an. Diese wurden auch als Zahlungsmittel benutzt – ein guter Sklave kostete 100 Kakaobohnen.

Kolumbus brachte die „Speise der Götter“ nach Europa, 1528 auch Cortés, der Azteken-Eroberer. Doch die Europäer wussten zunächst nichts mit den Kakaobohnen anzufangen. Erst nach der Zugabe von Honig und Rohrzucker wurde Schokolade als Lebensmittel beliebt, erstmals 1544 als Getränk am spanischen Hofe. 1673 tauchte die Schokolade in Deutschland auf, nämlich in Bremen. Wirklich verbreitet war sie aber erst im 19. Jahrhundert. Sowohl in der prähispanischen Welt als auch in Europa schätzte man sie als leckere Süßigkeit, aber auch als Medizin. Lange wurde Schokolade in den Apotheken Europas als Kräftigungsmittel verkauft, galt als Aphrodisiakum. Viele wertvolle Inhaltsstoffe der Kakobohne gelten als gesundheitsfördernd für das Herz-Kreislaufsystem und Immunsystem. Außerdem wirkt Kakao konzentrationsfördernd. Die Glücksmacher Dopamin und Seratonin werden beim Verzehr des „braunen Goldes“ ausgeschüttet – nicht umsonst heißt es bis heute: „Schokolade macht glücklich“.

Der Mais: Wie das Gold der Azteken auf unsere Felder kam

Mays – so nannten die Arawak, ein indigenes Volk an der Nordküste Südamerikas, den Mais. Ursprünglich kommt er aus Mexiko. In Zentralmexiko wurden schon 4700 v. Chr. ca. 2 cm kleine Maiskolben angebaut. Die Azteken, für die der Mais die zentrale Kulturpflanze war, verehrten gleich mehrere Maisgötter – weibliche und männliche. Im Monat Hueytozoztli bot man den Maisgöttern Blumen und Blätter dar. Manche sagen, dem Regengott Tlaloc wurden Kinder geopfert, wenn der für den Mais so wichtige Regen ausblieb. Traditionell basierten alle Azteken-Gerichte auf Mais. Auch Huitlacoche, der am Maiskolben wachsende Pilz, war „in aller Munde“. Noch heute geht in Mexiko nichts ohne das „Aztekengold“: Maistortillas, Maiskuchen, Tamales, Esquite, Pozole, Elote – Mais ist überall.

Elote ist der kulinarische Hit auf den Straßen Mexikos: Mit Mayonaise bestrichen und mit Käse und Chili bestreut, erfreut der „Mais am Stiel“ Groß und Klein. Nachdem Kolumbus die Pflanze nach Europa brachte, wurden 1525 die ersten Maisfelder in Spanien kultiviert. Seinen europäischen Siegeszug begann das gelbe Aztekenkorn in der Türkei und dem östlichen Mittelmeerraum, bevor es sich in Deutschland breit machte. Bis zum 17. Jahrhundert nur vereinzelt in klimatisch begünstigten Gebieten wie Baden oder der Rheingegend kultiviert, wurden nach dem Ausfall von Kartoffelernten ab 1805 vermehrt Maissorten gezüchtet, die für das hiesige Klima geeignet waren. Heute stibitzen auch wir mal einen Maiskolben vom Feld und knabbern an ihm – ohne Stil, Chilli, Mayo und Käse.

Die Kartoffel: Von den Anden in die große weite Welt

Papa – „Knollen“ ist die Quechua-Bezeichnung der Inka für eine ihrer wichtigsten Nutzpflanzen. Unser Wort „Kartoffel“ leitet sich vom italienischen „Taratuffili“ (kleine Trüffel) ab. Schon 7000 v. Chr. pflanzten die Inka Kartoffeln im Andengebiet, vom westlichen Venezuela bis nach Argentinien und Chile hinunter. Spuren der ersten wilden Kartoffeln wurden auf der chilenischen Insel Chiloé gefunden – vor unglaublichen 13 000 Jahren sollen diese gewachsen sein. Allein in Peru gibt es 3000 endemische Kartoffelsorten. Bei Tempelritualen im Inkareich wurde das Nachtschattengewächs als „Frucht mit Seele“ verehrt. Der Kartoffelgott Axomana war für Fruchtbarkeit und eine gute Ernte zuständig. Auf ihrer Suche nach Gold fanden die spanischen Eroberer das „Gold der Inkas“ – die Kartoffel. Sie brachten sie im 16. Jahrhundert nach Europa, zunächst auf die kanarischen Inseln, von wo aus sie Jahre später auf das europäische Festland verschifft wurde.

Dort wurde die exotische Schönheit aus Übersee mit ihren blau-lilafarbenen Blüten als Zierpflanze genutzt und schmückte Gärten, Tafeln und Haare der Adeligen. Doch der Kartoffel als Speise standen die Europäer argwöhnisch gegenüber. Franzosen und Italiener verfütterten das „Schweinebrot“ an ihr Vieh. In den Sonntagspredikten warnten die Pfarrer vor der „Teufelswurzel“ – sie sei „sexuell höllisch erregend und ein Werk des Teufels“. Erst unter dem preußischen König Friedrich II. begann im 18. Jahrhundert der großflächige Kartoffelanbau in Deutschland, um der damals grassierenden Hungersnot Herr zu werden. Aus dieser Zeit stammt das schlechte Image der Kartoffel als „Arme-Leute-Essen“. Aber auch ihren Ruf als Aphrodisiakum kriegt die Kartoffel nicht so recht los. Der Pathologe Rudolf Virchow sah einen Zusammenhang zwischen der großen Anzahl unehlicher Kinder im Spessart und der dortigen Beliebtheit des "Reizmittels der Geschlechts-Errregung".

Aller Voruteile zum Trotz setzte sich die Kartoffel durch. Heute ist die gesunde Vitamin C-Bombe noch vor Nudeln die beliebteste Beilage der Deutschen, ob als Pellkartoffel, Bratkartoffel, Salat, Püree, Pommes oder Kroketten. Übrigens ist das Schimpfwort „Kartoffeldeutscher“ fehl am Platze – unser Verbrauch ist eher durchschnittlich und wird locker von dem der Letten, Griechen und Polen überholt. Heute werden weltweit 5000 Kartoffelsorten angebaut – nur die Arktis ist „kartoffelfrei“. Führend in der Weltproduktion sind China, Indien, Russland, die USA und Deutschland. Peru, eines der Herkunftsländer der Kartoffel, liegt weit abgeschlagen auf Platz 17. Dafür ist Peru Sitz des Internationalen Kartoffelinstitutes, dass sich dem Erhalt der Artenvielfalt widmet.

Chili, Chia, Avocado und so viel mehr

Auf der Liste der Lebens- und Genussmittel aus Mittel- und Südamerika stehen außerdem: Bohnen, Kürbis, Chili, Vanille, Avocado, Chia-Samen und last but not least die aus der mexikanischen Agave gewonnenen alkoholischen Getränke Tequila, Mezcal und Pulque. Dass sich diese Naturprodukte auf unseren Tellern und in unseren Tassen wiederfinden, ist den landwirtschaftlichen Künsten der Inka, Maya und Azteken zu verdanken Und wer weiß? Vielleicht auch der guten Laune des Mais-, Kartoffel- und Regengottes!

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