Von einer verrückten Idee zum ersten Bücherdorf der Welt: Hay-on-Wye in Wales

Von einer verrückten Idee zum ersten Bücherdorf der Welt: Hay-on-Wye in Wales

Ein Dorf strebt nach dem Besonderen: Hay-on-Wye im Osten von Wales wurde in den 1960er-Jahren zum ersten Bücherdorf der Welt. Eine Unabhängigkeitserklärung und einen Pokergewinn später feiert man hier im 30. Jahr das alljährliche Literaturfestival – in einem Dorf mit nur 1850 Einwohnern, aber mehr als 20 Buchläden.

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Da will ich auch hin!

Der Schein trügt

Unscheinbar wie so mancher Buchdeckel, hinter dem sich doch mitreißende Geschichten und neue Welten verbergen - so könnte man auch das walisische 1850-Seelen-Dorf Hay-on-Wye nahe der Grenze zu England beschreiben. Es mag zunächst wie ein beschaulicher, verschlafener Ort wirken, ganz im Einklang mit den weiten Feldern, Wäldern und Weiden, die man passiert, um überhaupt erst dorthin zu gelangen. Schmale Gassen mit alten Steinhäusern sind in die grasgrüne Hügellandschaft eingebettet, das Ganze gekrönt von einer alten Burg, die über dem Dorf thront. So weit, so idyllisch. Doch wie in den besten Büchern offenbart auch Hay-on-Wye nach und nach sein Geheimnis, denn spätestens vor dem fünften Buchladenschaufenster fällt auf, dass die Anzahl der Buchläden hier doch ungewöhnlich hoch ist. In der Tat, Hay-on-Wye ist nämlich ein Bücherdorf, das erste noch dazu! Und alles begann in den 1960er-Jahren mit einer Idee von Richard Booth.

Von Oxford in die walisische Provinz mit einem Traum im Gepäck

Es war einmal ein exzentrischer Intellektueller (denn wenn es um Großbritannien geht, werden die Protagonisten doch fast immer als exzentrisch beschrieben), der nach seinem Geschichtsstudium in Oxford in seine Heimatstadt Hay-on-Wye zurückkehrte und, selbstverständlich entgegen den Wünschen seiner Familie (denn wenn man Geschichten erzählt, geht es doch fast immer um eine Hauptfigur, die sich gegen alle Widrigkeiten stemmt), einen Buchladen eröffnete. Zwar halfen ihm zahlreiche Dorfbewohner dabei, sein Antiquariat aufzubauen, doch seinem Ruf als Exzentriker war es wohl geschuldet, dass nicht viele auch an seine Idee glaubten. Zum Glück für alle Bücherfreunde erwies sich das als Irrtum: Seine Buchhandlung florierte, so sehr, dass er noch ein zweites Geschäft einrichtete und ganze Privatbibliotheken aufkaufte. Nur seinem Ruf wurde er tatsächlich gerecht, als er am 1. April 1977 in Hermelinrobe und Krone vor die Presse trat und sich selbst zum König des unabhängigen Königreichs Hay-on-Wye erklärte.

So many books, so little time: das Dorf der 10 Millionen Bücher

Noch heute muss Richard Booth über diesen Aprilscherz lachen, der nicht bei allen Anklang fand und doch seine Wirkung nicht verfehlte: Die Neugier zahlreicher buchaffiner Menschen war geweckt und so kamen mit der Zeit immer mehr lesefreudige Besucher in das Dorf. Andere Dorfbewohner taten es ihm nach und eröffneten Antiquariate mit Nischenangebot für Liebhaber. So beläuft sich die Anzahl der Buchhandlungen mittlerweile auf über 20 und bei einem Bestand von mehr als 10 Millionen literarischen Werken erscheint es durchaus glaubhaft, dass Hay-on-Wye weltweit die größte Menge an Büchern pro Quadratkilometer auf sich vereint. Mittlerweile gibt es neben dem kleinen Dorf in Wales noch andere Bücherdörfer: Auch Montolieu in Frankreich, Mellösa in Schweden, Clunes in Australien und Kampung Buku in Malaysia sind einen Besuch wert.

Literaturfestival in einem Bücherdorf - wenn nicht hier, wo dann?

Im Jahre 1988 setzte der Schauspieler Norman Florence der Erfolgsgeschichte von Hay-on-Wye (nochmals) die Krone auf: Dank eines Gewinns beim Pokern initiierte er das Literaturfestival, das hier seitdem jedes Jahr von Ende Mai bis Anfang Juni gefeiert wird und Hunderttausende Leseratten aus aller Welt anlockt. In diesem Jahr finden vom 25. Mai bis zum 04. Juni mehr als 800 Veranstaltungen rund um die Welt der Literatur, aber auch zu Politik und Zeitgeschehen statt. Zwischen verwunschen von Efeu umrankten Bücherregalen, die in Hay-on-Wye sogar in die Steinmauern eingelassen sind, feiern Bibliophile das geschriebene Wort. Es gibt kaum einen passenderen Ort dafür als dieses Dorf, das beinahe aus Büchern erbaut zu sein scheint.

Eine wahre Zeltstadt entsteht jedes Jahr, um dem vielfältigen Programm und dem Besucherandrang Raum zu geben. Die Wiesen sind gesprenkelt mit Liegen, damit man nach inspirierenden Lesungen gleich bequem in neue Geschichten abtauchen kann - bis zum nächsten spannenden Programmpunkt. Bunte Wimpel flattern im walisischen Wind, auf Bühnen wird neuer Lesestoff diskutiert und vor den Autorentischen bilden sich Schlangen, denn wer lässt sich schon die Chance entgehen, seinem Lieblingswortschöpfer gegenüberzustehen? Von Bill Clinton als “Woodstock des Geistes” bezeichnet, finden sich in Hay-on-Wye Gleichgesinnte zusammen, die einen Anrempler von einem in ein Buch vertieften Leser mit einem gutmütigen Lächeln quittieren. Hier haben schon Nobelpreisträger gelesen, doch auch unter bislang unbekannten Autoren gibt es so manche spannende Entdeckung. Den ganz besonderen Charme des Hay Festivals drückt Joseph Heller, Autor von Catch-22, wie folgt aus: “Es ist wie eine Kreuzung aus internationaler Konferenz und Hochzeit auf dem Lande.” Anregende Unterhaltungen in einer freundlichen und entspannten Atmosphäre - so lässt es sich leben.

Kulinarik und Kleinode der Natur

Mens sana in corpore sano - wer seinen Geist mit neuem Denkstoff füttert, muss auch seinem Körper Gutes tun. Dafür sorgen die Festival Bar, das Friends Café und die Festival Food Hall. Pop-up-Restaurants gehören ebenfalls zum Konzept. Kulinarisch gestärkt kann es weitergehen in den Festival Bookshop, wo man abermals stundenlang stöbern kann. Ergänzt wird das Festival durch Touren in die Umgebung entlang von heritage trails: Hay-on-Wye kann sich nicht nur damit rühmen, das erste Bücherdorf der Welt zu sein, es liegt auch noch direkt am Rand des malerischen Brecon-Beacons-Nationalparks. Wenn man nach literaturgefüllten Tagen den Kopf von den Buchseiten hebt und zur Abwechslung die hiesige Welt entdecken möchte, kann man Wanderungen unternehmen, durch Hügellandschaften, über die ein einzigartiges Licht-und-Schatten-Spiel hinwegzieht. So ergänzen sich mystische Naturlandschaft und fantasievolle Buchwelten - und das alles in einem kleinen Dorf in Wales.

Für Bücherfreunde, deren To-read-Liste vorerst keinen Aufschub duldet

Wer es dieses Jahr nicht zum Literaturfestival in Hay-on-Wye schafft, kann einfach eines der Partnerfestivals besuchen:

Santiago de Querétaro, Mexiko: 7.-10. September 2017
Segovia, Spanien: 22.-24. September 2017
Aarhus, Dänemark: 26.-29. Oktober 2017
Arequipa, Peru: 9.-12. November 2017
Hay Festival Winter Weekend: 24.-26. November 2017
Cartagena, Kolumbien: 25.-28. Januar 2018

Buchtipps zum Festival:

Stephen Fry: Großbritanniens “national treasure” war 2014 schon Präsident des Literaturfestivals von Hay-on-Wye und ist auch dieses Jahr bei einigen Veranstaltungen mit von der Partie. Scharfzüngig, unterhaltsam, zum Losprusten lustig - am besten liest man sich einfach quer durch sein Werk!

Colm Tóibín: Die Verfilmung von Brooklyn war in aller Munde, doch es lohnt sich in jedem Falle, auch den Roman selbst zu lesen und sich von der Geschichte um die junge Irin Eilis, die in den USA ihr Glück versucht, ohne ihre Heimat vergessen zu können, mitreißen zu lassen.

Elizabeth Strout: Im Pulitzer-Preis-gekrönten Roman Olive Kitteridge erzählt Elizabeth Strout von der alten Riege in Neuengland, von kleinen Familiendramen und Skandalen, über die sich die spitzfindige Protagonistin eifrig erzürnt. Die ehemalige Mathematiklehrerin ist von allen gefürchtet und doch verbergen sich hinter ihrer scharfzüngigen Art auch nur ihre verlorenen Illusionen.

Paul Beatty: Der Autor, der eigentlich gar kein Buch schreiben wollte, sorgte für Furore, weil er als erster Amerikaner den renommierten britischen Man Booker Prize für seinen satirischen Roman The Sellout gewann, in dem er ein schockierendes Bild von den Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen in den USA entwirft, das dennoch nicht aller Komik entbehrt.

Ian Rankin: Für Krimifans ein Muss! Die spannenden Geschichten um Inspektor Rebus, der in den verschlungenen Gassen Edinburghs ermittelt, sind Teil einer der erfolgreichsten Krimireihen überhaupt.

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