Bootshafen Svedjehamn
11.6.2016 - 13.6.2016

Weiße Nächte in Finnland

Nur ein einziges kurzes Mal habe ich Finnland bisher besucht. Das war damals im Rahmen einer Album-Veröffentlichung der Band The Rasmus. Damals, als Plattenfirmen noch Medienvertreter ins Ausland flogen, um eine Record Release Party zu feiern. Es ist also schon sehr lange her.


An das Konzert erinnere ich mich noch, auch an das Feuerwerk und daran, dass meine große Apfelschorle in dem Straßencafé 9 Euro kostete. Das war ein bisschen abschreckend und fortan bewunderte ich die finnische Landschaft nur mehr digital.


Umso mehr freue ich mich, dass ich dieser Tage Teil einer Pressereise mit dem wunderschönen Titel Coastal Charm sein darf. Eine Woche lang fahre ich nun mit einer bunten Truppe Journalisten aus Russland, Hongkong, den USA, England, Japan, Spanien und Frankreich die Westküste entlang. Kommt mit!

Tagebuch

Tag 1 – 11.6.2016 – #

Helsinki – von diebischen Möwen und fantastischem Essen

Meine Ankunft in Helsinki wäre für eine Folge Mr. Bean bestens geeignet. Weil ich wieder alles auf den letzten Drücker gemacht habe, kam ich nicht dazu, mir etwas zu Essen zu besorgen. Ich hole mir am Hauptbahnhof also fix ein Sandwich und eile weiter zur Tram. Da kommen vier Möwen im Sturzflug auf mich zu. Die Erste haut mir eine an den Latz und die Zweite klaut mein Sandwich. Ja, nun: Herzlich Willkommen in Helsinki!


Weiterhin mit Loch im Magen fahre ich zunächst ins Scandic Paasi und checke in mein Zimmer ein. Während ich meine Daten angebe, erspähe ich hinter dem Tresen Nordic Walking Stöcke und Fahrradhelme. Tatsächlich: Man kann hier Fahrräder leihen. Das verkürzt mein anschließendes Zimmer beziehen immens und ich schwinge mich sogleich auf das Rad.


Mit dem Rad unterwegs


Ich fahre immer am Wasser entlang. Bei dem wunderschönen Bootshafen am Kompassitori halte ich für ein paar Minuten an. Ich höre den Stahlseilen zu, wie sie im Wind an die Segelbootmasten schlagen und beobachte die Bojen, wie sie im Wasser hin und her schaukeln.


Die Möwen kreischen. Das erinnert mich direkt an meinen Hunger und ich trete schnell wieder in die Pedale, bis ich irgendwann an der Hietalahti Market Hall ankomme.

Endlich essen

Heute ist Hietsu Night Market und die Markthalle hat bis Mitternacht geöffnet. Es gibt Riesen-Seifenblasen, Glitzer-Tattoo-Elfen und Musik. Ich kann mich wie immer kaum für eine der Leckereien entscheiden und lande schließlich bei Kimchi Wagon. Dass der (wohl finnische) Betreiber in Asien aufgwachsen ist, merkt man sofort: es bedarf keiner weiteren Schärfe.

Leider ist kein Platz mehr für einen von Kitty’s Milkshakes, aber ein Matcha-Keks vom Japaner geht noch rein. Den esse ich auch lieber direkt hier drinnen, nur falls draußen Möwen lauern.

Tag 2 – 12.6.2016 – #

Alles Liebe zum 466. Geburtstag, liebes Helsinki!

Helsinki hat sich heute besonders heraus geputzt, denn die Stadt feiert heute ihren 466. Geburtstag. Es ist Helsinki Day. Überall in der Stadt gibt es Musikbühnen und kleine bis größere Feierlichkeiten.

Jans Garten in der Stadt

Auch in Jans Garten auf dem innerstädtischen Landgut Herttoniemi Manor gibt es heute ein Fest. Startschuss hierfür ist das Ernten der ersten Kartoffeln der Saison. Das übernimmt zur Feier des Tages der finnische Rapper Musta Barbaari. Er macht eine gute Figur dabei. Ich habe ihn mir auch gleich für ein Foto gekrallt, das ein bisschen so aussieht, als hätten wir gerade für unser romantisches Dinner eingekauft. Oder?

Jan erklärt uns, dass er schon lange von einem eigenen Bauernhof geträumt hatte, jedoch nicht auf’s Land ziehen wollte. Er schlug der Stadt vor, aus dem Park einen innerstädtischen Garten zu machen. Seit deren Zustimmung baut er Gemüse und Kräuter an, die er an lokale Restaurants verkauft.

Strenge Auflagen beim Alkohol

Eine besondere Tatsache wird bei einem Besuch der Helsinki Distilling Company sehr deutlich: Das Alkoholgesetz ist super streng. Supermärkte dürfen keine Getränke mit einem Alkoholgehalt über 5,1% verkaufen. Alleine die Supermarktkette Alko darf Hochprozentiges verhökern. Das hat zur Folge, dass die täglich 17 (!) Fähren in das 2 Stunden entfernte Tallinn außerordentlich gut besucht sind. Hier kann man den Alkohol meist 70% günstiger kaufen. Kaum auszumalen, was der finnischen Wirtschaft da an Geld flöten geht.

Meine Augen leuchten, als wir die Destillerie betreten. Ich sehe diverse Gin Sorten auf einem Tisch stehen und schaffe in Gedanken schon Platz in meinem Gepäck für mindestens eine Flasche und bereite meinen Gaumen auf eine leckere Probe vor. Weit gefehlt: Ausschank und Verkauf sind in der Destillerie nicht erlaubt.

Im August eröffnen die Betreiber ein Restaurant nebenan, wo die Besucher den Gin und ab nächsten Sommer auch den Whiskey der Helsinki Distilling Company probieren können. Zum Kauf einer Flasche müssen sie jedoch weiterhin in einen Alko gehen oder nach Tallinn fahren.

Eine 800 Meter lange Dinner-Tafel

Die größte Party anlässlich des Helsinki Day findet auf der Shoppingmeile Pohjoisesplanadi statt. Hier ist eine 800 Meter lange Dinner-Tafel aufgestellt. Wochen vorher musste man sich für einen Platz anmelden und nach wenigen Stunden waren alle ausgebucht. Die Menschen an den Tischen haben sich heraus geputzt. Einige haben Tischdeko und Blumen mitgebracht. Die Speisen auf den Tischen sehen hervorragend aus. Ich glaube, ich gaffe schon ganz hungrig.

Restaurants auf den Inseln

Wie gut, dass wir uns jetzt ohnehin am Havis Amanda Brunnen für unser Dinner Date verabredet haben. Von hier fahren wir zum Bootshafen, wo uns ein kleines Boot zu dem Inselrestaurant Saari abholt. Das ist übrigens etwas, dass ihr unbedingt bei einem Besuch in Helsinki machen solltet. Überall im Archipel gibt es Restaurants auf den Inseln, von wo aus man die kaum untergehende Sonne genießen kann. Im Winter, wenn die Ostsee gefroren ist, kann man vom Festland aus hin spazieren.

Geräuchertes Eis

Das Geburtstags-Dinner hätte köstlicher nicht sein können. Neben einem Hauptgang unserer Wahl bekommen wir finnische Antipasti kredenzt sowie Jäätelö zum Nachtisch. Jäätelö ist gewöhnungsbedürftig. Es ist geräucherte Eiscreme. Mich erinnert der Geschmack an Scamorza Käse. Maria sagt, dass sie bereits Journalisten gesehen hat, die es direkt wieder aus gespuckt haben. In der Kombination mit der Moltebeeren Marmelade, schmeckt es mir ganz gut.

Dennoch trinke ich im Anschluss meinen Kaffee brav aus, damit ich den Helsinki Day nicht mit Käse-Eis Geschmack abschliesse.

Tag 3 – 13.6.2016 – #

Gin und Mitternachtssonne

Früh morgens machen wir uns auf dem Weg zum Bahnhof, wo wir in den Zug Richtung Tikkurila steigen. Ich muss grinsen, denn unsere Reiseleiterin Virpi hat es nicht immer leicht mit uns. Erwachsene sind machmal schwieriger im Zaum zu halten als Kinder, die sich Händchen haltend in Zweierreihen aufstellen.


Wir fahren drei Stunden durch reinste Bilderbuch-Landschaften, unter anderem durch die Stadt Tampere, gen Norden. Die Wiesen haben noch das leuchtende Grün eines frischen Sommers. Auf ihnen stehen zwischen kleinen Nadelwäldern bunte Holzhäuschen und Scheunen.

Die Kyrö Distillery Company in Isokyrö

Unser Zielbahnhof ist Isokyrö; eine kleine Haltestelle vor einem beige-roten Holzhaus. Außer uns steigt nur ein weiterer Fahrgast aus. Ich zucke kurz zusammen. Es ist ein älterer Herr mit Cowboyhut und Indianerjacke, den ich gestern durch Zufall in Helsinki fotografiert habe. Er fiel mir wegen seiner Kleidung sofort ins Auge und ich fand es so schön, wie er mit seinem Kumpel über einem Glas Wein klönte.

Vor dem Bahnhofshäuschen (sofern es überhaupt eins ist) wartet ein Traktor mit Anhänger, der mit einem Bild dekoriert ist, das fünf nackte Männer Popos zeigt. Einer der Popos, wie wir später herausfinden, nimmt uns herzlich in Empfang. Es ist Miko Henilä, einer der fünf Inhaber der Kyrö Distillery Company, zu der wir nun hin tuckern. Der Cowboy kommt auch mit. Es ist Mikos ehemaliger Geschichtslehrer, wie sich herausstellt. Zufälle gibt’s!

Mit Karacho holpern wir durch die schmalen Landstraßen und juchzen. Ab und zu begegnet uns ein Auto. Zwei ältere Damen auf Rädern steigen ab und winken uns euphorisch zu. Die weniger als 5.000 Einwohner des Dorfes scheinen sich sehr über Besuch zu freuen.

Die Destillerie war früher eine Molkerei, die nun mit viel Liebe restauriert wurde. Im großen Gastraum gibt es lange Tischtafeln aus grobem, altem Holz. An ihnen stehen alte Werkstühle. Das mag ich! An einer Wand stehen Regale mit (leeren) Flaschen der Destillerie Produkte (dürfen sowieso nicht verkauft werden). An den schwarzen Wänden hängen Kunstwerke eines britischen Künstlers. Im kleinen Nachbarraum befindet sich die Bar und ein Regal das als Souvenirshop dient.

Die Idee mit dem Schnaps

Während des Essen erzählt uns Miko, wie er mit seinen vier Kumpels in der Sauna saß (natürlich) und die Schnapsidee geboren wurde. im Anschluss bekommen wir eine Führung durch die heiligen Hallen mit abschließender Gin und Whisky Verköstigung. „Wodka wollen wir nicht machen, das ist zu einfach“ , höre ich Miko sagen, während ich glaube, langsam schon zu schielen.

Bootsfahrt ins Kvarken Archipel

Von Isokyrö fahren wir mit dem Bus noch ein Stück weiter gen Norden an die Küste. Unser Ziel ist die Hafenstadt Vaasa. Sie liegt am Bottnischen Meerbusen, von wo wir eine Bootsfahrt ins Kvarken Archipel starten. Es scheint als habe jede Familie in Vaasa ein Boot und ein buntes Sommerhäuschen auf einer der vielen Inseln.

Nach dem Abendessen im Café Arken bringt uns Erkki von Visit Vaasa zu einem ganz besonderen Ort mitten im Herzen des Kvarken Archipel. Wir halten an einer kleinen Bucht mit bunten Bootshäusern, dem Bootshafen Svedjehamn. Hinter den Häusern führt ein Weg zum Aussichtsturm Saltkaret entlang. Bis zur Unkenntlichkeit vermummt – wo kommen plötzlich die ganzen Mücken her? – eilen wir zum Turm und klettern hoch. Gerade noch wild die Stechviecher aus dem Weg scheuchend, halten wir inne als wir oben ankommen. Die Aussicht ist einfach traumhaft schön. Und wie hell es um kurz nach 23 Uhr noch ist!

Ich schaue auf die schöne Landschaft hinunter und kann mein Glück kaum fassen. Es ist einer dieser Momente, an denen ich unendlich dankbar bin, so etwas erleben zu dürfen. Neben Nordlichtern gehören die Weißen Nächte, die ich gerade in Finnland erleben darf, zu den außergewöhnlichsten und fantastischsten Reisemomenten.

Auf unserem Weg durch Helsinki, fütterte uns unsere reizende Tourleiterin Maria mit teilweise sehr erheiternden Fakten über Finnland und Helsinki.

  • Auf finnisch heißt Finnland Suomi.
  • In ganz Finnland leben ungefähr 5,5 Millionen Menschen. Das sind so viele wie in Berlin und Köln zusammen!
  • Bevor Finnland 1917 unabhängig wurde, war es zunächst schwedisch und später russisch.
  • Schwedisch ist auch heute noch die zweite offizielle Sprache (Das erklärt, warum in der Bahn die
    Haltestellen immer mit zwei Namen angezeigt werden.).
  • 70% der Fläche von Finnland ist bewaldet
  • Im Winter ist es bis zu 19 Stunden dunkel, im Sommer bis zu 19 Stunden hell.
  • Es kann im Winter bis zu -30°C kalt werden. Ein Sprichwort besagt: „Ab -15°C gibt es keine Mode mehr“.
  • In Finnland gilt das Jedermannsrecht:
    Ein weiser Geschäftsmann orderte eines Tages hunderte Angestellte an, Blaubeeren in einem Waldgebiet zu pflücken. Die Einwohner des benachbarten Ortes zogen vor Gericht, das jedoch mit erhobenem Zeigefinger nach dem Jedermannsrecht entschied: „Wenn ihr die Blaubeeren wollt, müsst ihr eben vor den anderen da sein.“
  • Finnland ist das Land mit dem größten Kaffee-Kosum der Welt: Pro Person werden jährlich 12 kg Kaffee konsumiert.
  • Helsinki hat keine Seen. Alles Wasser, dass man sieht, ist Teil der Ostsee.
  • Das Wahrzeichen von Helsinki ist der Havis Amanda Brunnen
  • Der Zug von Helsinki nach St.Petersburg braucht nur drei Stunden
  • Man kann per Nachtzug nach Moskau fahren, wofür man aber ein Visum benötigt. In den Sommermonaten sollte man die Fähre nehmen, mit ihr kann man visafrei nach Russland einreisen.

… Fortsetzung folgt.

Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Pressereise mit Visit Finnland. Paljon kiitoksia, für die Einladung! Ich habe mich schon jetzt schwerstens in das Land verliebt.

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